Widersprüche zweier Philosophien

Von Klaus Grossner

Die Philosophie in Deutschland könnte von zwei deutschsprachigen Ausländern verändert werden, deren öffentliches Renomee sich umgekehrt proprotional verhält zur allgemeinen Kenntnis ihrer theoretischen Hauptwerke: von Herbert Marcuse und von Karl Raimund Popper. Wollte jemand gegensätzliche Theorien der Gesellschaft konstruieren, er könnte die Thesen Poppers und Marcuses entwickeln: Die Widersprüche ihrer Argumente eignen sich, eine kritische Gesellschaftstheorie zu prüfen.

Marcuse lebt heute – im Staate des Rechtsextremisten Ronald Reagan – als Professor für Philosophie an der University of California in La Jolla, an der er auch in diesen Tagen politische Schwierigkeiten hat – "noch mehr jedoch von den guten Bürgern in Kalifornien".

Karl Popper, der 1965 zum "Sir" geadelt wurde, lebt dagegen seit seiner Emeritierung 1969 im friedlichen Penn (Buckinghamshire) in England. "Die Neue Linke ist heute unsere einzige Hoffnung", sagt Marcuse, während Popper, der Theoretiker des Liberalismus, mit Stolz berichtet: "Während der ganzen Studentenunruhen hatten wir an den London School of Economics (an der Popper Professor war) nur einen einzigen revolutionären Studenten in meinem Department für Philosophie, Logik und wissenschaftliche Methoden."

Persönlich bestehen zwischen Popper, dem wohl einflußreichsten Philosophen des angelsächsischen und des skandinavischen Kulturkreises und zwischen Marcuse, dem Theoretiker der internationalen Protestbewegung von Berkeley bis Berlin, fast keine Verbindungen. Popper erinnert sich nur an kurze Treffen 1966, ohne Diskussion: "Es ist meiner Meinung nach zwecklos, sich auf diese Tiraden einzulassen."

Marcuse dagegen, bescheiden: "Ich halte mich nicht für qualifiziert, seine "Logik der Forschung’ (Poppers Hauptwerk) zu kritisieren." Trotzdem ist die Diskussion zwischen Marcuse und Popper notwendig, wenn die Alternative "Revolution oder Reform?" über das Niveau der tagespolitischen Auseinandersetzung hinaus theoretisch aufgefächert werden soll.