Von Horst Krüger

Jeden Morgen, wenn ich meine Zeitungen kaufen gehe, stelle ich fest: Das Bild meines Zeitungs-Bazars verändert sich rapide von Monat zu Monat. Es wird immer fleischfarbener, immer körperfroher. Es gleicht fast schon dem, was sich brave Bürger unter einem Porno-Shop vorstellen. Vorbei ist die Zeit, wo in einem Laden die politische Publizistik obenan lag, schön griffbereit. Vorbei ist auch die Zeit, wo Bild alles frech und herausfordernd beherrschte. Revolverpresse tritt deutlich zurück. Playboy wirkt richtig altmodisch: Hochglanz für ältere Herren. Es muß in den letzten Monaten so etwas wie eine heimliche Revolution in unserer Publizistik stattgefunden haben. Sind da die Bestimmungen des Pornographie-Paragraphen gelockert worden? Paragraph 184, sagte mein Anwalt etwas grinsend, ist im Zerfallen. Das hält nicht mehr. Gottlob, denkt unsereiner; endlich, denkt unsereiner, bricht wieder so ein Kalkgebirge der deutschen Justiz zusammen.

Mein Zeitungs-Bazar, ein durchaus solider und gar nicht anrüchiger, ist jetzt eine einzige Orgie in Nackt. Die Neuigkeit, die mich jeden Morgen erreicht, heißt nicht Brandt, Nixon, Lenin – sie heißt: nackt, noch nackter, heute ganz unerhört nackt, beinah frivol. Lauter nackte Bundesbürger: Schön, nicht wahr?

Daß hier keine Freikörperkultur, keine sonnige Vegetarier-Ideologie unserer alten FKK-Verbände propagiert wird, ist klar zu sehen. Die Art, wie die Nackten hier herumspringen, ist beinah lasziv, fast obszön und läßt keinen Zweifel mehr, daß hier nicht "Glaube und Schönheit" oder Artverwandtes gemeint ist. Es wird Lust offeriert: blanke Lust, was Freud eben Libido nannte. Früher, in Kindertagen, in Schulstunden, zum Beispiel im Religionsunterricht (erinnere ich mich), hieß das noch "Fleischeslust" und mußte immer gebeichtet werden, obwohl ich mir, neunjährig, schwer etwas darunter vorstellen konnte. Jetzt ist das endlich frei und schön zu haben. Ein Hauch von Metzgerladen liegt über vielen Zeitungs-Bazaren.

Aus allen Gauen unseres Landes kommen nun auch noch diese "Lustblätter" hinzu, die der findige Mann aus St. Pauli kreierte. Es muß ein unendlich erfolgreiches Geschäft sein, das sich da ausbreitet. Die Lustblätter schießen in meinem Bazar wie Pilze aus deutschem Waldboden, hastig und plump imitiert, und riechen auch etwas danach, nach dunkler Provinz, nach Sauerland, nach Oberfranken, bettenfroh. Man kann die Eile und Atemlosigkeit dieser Blattmacher nun mit Händen greifen. Unterleibs-Publizistik möchte ich es nennen, nachdem ich mir einen ganzen Stapel gekauft habe. Die etwas wiehernde, etwas krähende Fröhlichkeit, die solchen Blättern entströmt, erinnert mich an Landluft, an Stallgeruch und Hühnerhof. Bei so viel miserablem Geschmack und mickriger Kleinbürgerlüsternheit kann einem das Vergnügen an der neuen Freiheit getrübt werden. Pornographie, das sollten die neuen Publizisten wissen, die nicht wirklich gut ist, ist immer gleich unendlich schlecht und wirkt nur komisch oder widerlich. Ach, die neuen Lustblätter und Sex-Gazetten, die ich las, riechen mir eher nach Bier, nach Bauch und Kegelverein. Sie schmatzen, sie grunzen. Muß das denn so sein, wenn die Lust nach Deutschland kommt?

Kolle-Filme: Auch so ein Thema, das mich immer nachdenklich und störrisch macht, die neue Freiheit begrüßend. Ob es seine treuen, so unendlich guten Augen sind, die mich für ihn einnehmen? Der berühmte Mann ist in seinem Fach einfach zu exemplarisch, um ihn zu übergehen. Er ist sozusagen ein Klassiker der sexuellen Volksaufklärung geworden, der seine Sache so schlecht gar nicht macht. Ich werde mich also nicht in die Reihe seiner höhnischen Verächter stellen. Ich will Kolle nicht einfach abqualifizieren mit dem Spott der Intellektuellen. Offenbar hat dieser schöne und geistig vielleicht nicht reich ausgestattete Mann etwas begriffen von unserer Gesellschaft, das seine Kritiker immer vergessen: daß nämlich Sexualität nicht nur etwas Naturhaftes, etwas Biologisches ist, sondern daß ihre Verhaltensnormen gesellschaftlich vermittelt, also auch Lernprozessen unterworfen sind. In diesem Lernen von Sexualität liegt ja das gleichermaßen Komische und Sinnvolle seiner Filme.

Natürlich, das Ganze hat immer etwas von Elementarunterricht: eine Mischung aus Katechismus und Leibesübungen, beides bierernst betrieben und daher so komisch, aber man erfährt doch auch etwas, finde ich immer wieder. Wie das so ist bei einem Mann, bei einer Frau, wie das ist bei einer Ehe, warum er, warum sie zu Zeiten untreu werden. Es werden Abweichungen, Spielformen sexuellen Verhaltens, die früher in der Öffentlichkeit tabuisiert waren, erstaunlich nüchtern registriert: Wie das ist, wenn Frauen sich untereinander lieben oder gar Männer. Insofern sind diese Filme, so unterschiedlich auch die Motive sein mögen, aus denen sie produziert und konsumiert werden, durchaus zu begrüßen. Sie sind natürlich ein Fortschritt, wenn man bedenkt, wie Heranwachsende in Deutschland noch vor dreißig, vor fünfzig Jahren unaufgeklärt blieben. Natürlich ist es gut, wenn sich jetzt, etwa am Beispiel der Onanie, gegenüber den Ängsten und Strafandrohungen von früher ein entkrampfteres, ein mehr spielerisches Verhältnis durchsetzt. In dieser Aufhebung von Angst und Verkrampfung sehe ich durchaus eine Berechtigung dieser Filme. Es geschieht hier eine Art Befreiung aus Unmündigkeit.