Von Kilian Gassner

München

Jedermann konnte sich an drei Fingern ausrechnen, daß Hans-Jochen Vogel, 44, eines nahen Tages aus dem Münchner Rathaus zu weiterem Höhenflug aufbrechen werde. Die Vermutung mußte naheliegen, daß Vogel und die SPD für den Stuhl des Oberbürgermeisters der Olympiastadt an der Isar rechtzeitig einige attraktive Kandidaten oder Persönlichkeiten präsentieren würden.

Jetzt scheint alles wie überstürzt. Vor zwei Monaten gab Vogel nach einer Geheimkonferenz mit dem Vorstand der bayerischen SPD seinen Entschluß bekannt, im März 1972, also noch vor den Olympischen Spielen, nicht mehr als CB zu kandidieren. Sein Ziel: Als Zugpferd in die Landespolitik (in der die SPD seit 1957 in der Opposition steht) einzusteigen. Zunächst waren sechs Vogel-Nachfolger im Gespräch, möglicie und zufällige. Übrig blieben nach raschen Absagen schließlich noch zwei SPD-Kandidaten: Gittel und Schmidt.

Nie gehört – mag sich die absolute Mehrheit der Münchner bei diesen Namen gesagt haben. Auch wenn eine von der SPD-Landesleitung in Auftrag gegebene "Infratest"-Umfrage ergab, daß der SPD-Bundestagsabgeordnete Schmidt 51 Prozent der Münchner Wähler bekannt sei. Der Münchner Stadtanzeiger fand schnell eine Lösung für diese verblüffende Popularitätskurve. Der Münchner Schmidt sei "ganz schlicht mit ‚Schmidt-Schnauze‘, dem Verteidigungsminister, verwechselt" worden.

Wie auch immer – man wartete auf ein Vogel-Wort. In der ersten Maiwoche kam es: "Beide (Kandidaten) schätze ich als engagierte Sozialdemokraten, Helmut Gittel ist gesellschaftspolitisch engagiert. Er besitzt eine umfangreiche Verwaltungserfahrung und eine genaue Kenntnis nahezu aller Probleme der Stadt und der Region München. Manfred Schmidt hat in den letzten Jahren politische Aktivität und Einsatzfreude gezeigt. Beide Kandidaten erscheinen mir für eine führende kommunale Position geeignet. Nach Abwägung aller Umstände spreche ich mich aber für die Nominierung von Helmut Gittel aus, weil ich ihn für den qualifizierteren und aussichtsreicheren Bewerber halte."

Inzwischen sind Helmut Gittel, der 47jährige Stadtkämmerer, und Manfred Schmidt, 34jähriger Staatsanwalt, der bei der letzten Bundestagswahl den fünften, zuvor von dem kurz vor der Wahl tödlich verunglückten CSU-Prinzen Konstantin von Bayern gehaltenen Stimmenkreisverband München-Mitte errang, zweifellos bekannter geworden. Denn seit zwei Wochen stehen sie, beide Brillenträger, im öffentlichen Kreuzverhör der Parteifreunde. Mal im Schwabinger Bräu, mal in der Pasinger Gaststätte Eisbahn – insgesamt sind es sechs Hearings, die von den beiden SPD-Bewerbern absolviert werden müssen. Erst nach dieser Vorstellungsrunde beginnt auf der untersten Parteiebene die Meinungsbildung der rund 11 000 Münchner SPD-Mitglieder. Und Anfang Juli werden 230 Delegierte auf einem Unterbezirksparteitag die Entscheidung treffen. Schmidt oder Gittel – oder gar ein "dritter Mann", wie viele hoffen?