Von Karl-Heinz Wocker

London,im Mai

Die Schlacht von Waterloo begann am 18. Juni 1815 gegen halb zwölf Uhr mittags und war nach neun Stunden beendet. Etwas länger werden die britischen Wähler am 18. Juni dieses Jahres brauchen, um den Kampf zwischen Wilson und Heath zu entscheiden. Noch nie haben die Briten denselben Politiker dreimal hintereinander zum Premierminister berufen. Wilson steht also, wenn man den Meinungsumfragen glauben darf, ein historischer Tag bevor.

Große Teile der Wählerschaft freilich verbinden mit diesem Juni andere Interessen: England will in Mexiko wieder Fußballweltmeister werden; die südafrikanische Cricket-Nationalmannschaft beginnt ihr skandalumwittertes mehrwöchiges Gastspiel, sofern es nicht noch abgeblasen wird; die Rennen von Derby und Ascot finden ebenfalls aus Tradition im Juni statt; das geistige England feiert zudem den hundertsten Todestag von Charles Dickens. Mit Wahlen aber hat niemand gerechnet. Harold Wilson freilich hat den Termin angeblich vor fünf Wochen beschlossen. Das soll den Eindruck verwischen, als ob der Labourführer die erstbeste Chance günstig erscheinender Umfragen ergriffen habe.

Doch braucht sich Wilson solcher Taktik nicht zu schämen. Das Verfassungsprivileg des britischen Premierministers, den Wahltag innerhalb einer fünfjährigen Legislaturperiode selber bestimmen zu können, gesteht ihm solchen Egoismus durchaus zu. Der Akzent in der englischen Demokratie liegt nicht auf der Kontrolle der Macht, sondern auf ihrer Ausübung und deren Kontinuität. Ein Wechsel ist nur dann erwünscht, wenn es nicht mehr anders geht, und eine Mehrheit der befragten Briten will offenbar derzeit keinen Wechsel.

Diese Mehrheit ist nicht sehr groß. Drei Meinungsforschungsinstitute haben einen Vorsprung für Labour errechnet, der zwischen 2,7 und 7,5 Prozent liegt. Selbst an der unteren Grenze dieser Voraussage wäre Wilson eine Parlamentsmehrheit von etwa 60 Sitzen gewiß. Damit kann er fünf weitere Jahre durchstehen. Mit einer ununterbrochenen Amtszeit von elf Jahren wäre er dann der "dienstälteste" Premierminister seit dem Earl of Liverpool, der es – übrigens zur Waterloozeit – auf fünfzehn Jahre brachte.

Die Sozialisten halten in ihrer unverhofft angebrochenen Frühlingsstimmung den Kampf für bereits gewonnen. Der Generalsekretär der Konservativen, Barber, konnte sich nur zu der Vorhersage eines Kopf-an-Kopf-Rennens aufraffen; einen Sieg zu prophezeien fiel ihm schwer. Die Tories setzen auf eine Wiederholung der 64er Wahl, als es Sir Alec Douglas-Home gelang, den Labour-Vorsprung in den Meinungsumfragen bis auf wenige Mandate aufzuholen. Aber der Rückstrom zur Regierung, den er damals nutzen konnte, kommt diesmal Wilson zugute. Und bei all seiner rührenden Unkenntnis wirtschafts- und sozialpolitischer Vorgänge war Sir Alec doch von anderem Kaliber als Edward Heath. Wilsons Invektiven prallten an ihm ab. Heath dagegen zeigte jedesmal Trefferwirkung an. Damit hängt es auch zusammen, daß große Teile der eigenen Anhängerschaft nicht an ihn glauben, während Sir Alecs Kritiker in der Parteispitze, nicht aber im Parteivolk saßen.