Auf einem erleuchteten Quadrat, einem Boxring nicht unähnlich, von aufgereihten Zuschauern angestarrt, kämpft ein Mann. Er kämpft allein, bewaffnet mit einer Gitarre; der Gegner ist nicht sichtbar, aber er ist anwesend und heißt: am Ende sein, erledigt sein, überholt sein, überführt sein. Elvis Presley, in Steve Binders NBC-Fernsehfilm, kämpft gegen die eigene Obsoletheit.

Daß "alles" mit ihm angefangen hätte, kann man nicht sagen; er selber erinnert in dem – viel zu kurzen (denn man hätte gern erfahren, wie ein Idol der Jugendlichkeit mit dem Älterwerden zurechtkommt) – Statement zu seiner Art Musik daran, daß es keinen Rock ’n’ Roll gäbe ohne Gospel und Rhythm and Blues. Dennoch hat wohl kaum ein Pop-Sänger vor ihm unter Amerikas Großstadtjugend so massenhafte Enthusiasmen mobilisiert wie er; mit James Dean zusammen war er, ein Dutzend Jahre etwa ist es erst her, das Symbol eines noch kaum artikulierten Bedürfnisses nach Ausbruch aus der vorgeschriebenen Tüchtigkeit und Bravheit, nach Ekstase, Selbstvergessenheit, und zwar eins, das die Jungen ganz für sich hatten: In den respektablen Familien hatte sein Name beim gemeinsamen Abendessen besser nicht erwähnt zu werden. Der "vulgäre, heisere Hampelmann", dessen Montur und Auftritte ihre sexuelle Bedeutung geradezu affichierten, war in jeder Hinsicht das Gegenbild des damals immer noch recht unangefochten die Szene beherrschenden adretten und jovialen und harten Managertyps.

Elvis Presley 1970: Er hat Schule gemacht inzwischen, und wie. Mit fünfunddreißig steht er vor der Kamera, jetzt wie der Großvater der Bewegung: sein schwarzer Lederdreß neben den bunten zottigen Hippiekostümen seiner Diszipel wie ein Gehrock wirkend, seine in dem damals fingerbreit kurzgetrimmten Amerika schockierend lang wirkenden pomadisierten Haare bei Kollegenschaft und Publikum um ein Vielfaches übertroffen, seine akrobatischen Verrenkungen mit dem Mikro in der Hand ein steifes Ritual neben der Art, wie heute etwa Keith Emerson von den "Nice" über seine Orgel setzt, seine Darbietung zuweilen in bedenklicher Nähe zur abgestandenen Entertainerroutine.

Dabei ist Elvis Presley keineswegs harmloser oder einfach seniler geworden. Sein "Jailhouse Rock" hat nichts von seiner immer noch elektrisierenden gutturalen Schärfe verloren, und seine Schmachtlieder à la "Love me tender" versetzt er, heute mit einem Maß an Selbstironie, daß sie fast erträglich klingen.

Nein, an ihm liegt es nicht, wenn er, der Schrecken von damals, trotz Schweiß und Leder heute den Eindruck nahelegt: ach, was war das doch für ein netter Junge!

Bezeichnenderweise wurde die in ihrer Art clever und nicht geschmacklos und ohne zudringliche Idolatrie gemachte Elvis-Presley-Fernseh-Show in Deutschland zunächst von zwei Dritten Programmen (WDF und NDR/SFB/RB) gesendet: Elvis the Pelvis ist zu Elvis the Classic geworden.

Und so konnte man einen Vorgeschmack auf jene Zeiten bekommen, da irgendein neues Musikphänomen, viel zu anrüchig, um in irgendeinem Programm berücksichtigt zu werden, Hunderttausende von Jugendlichen in Massenfrenesien stürzt, indes Professoren im Dritten Programm gelehrt über die Phasen und Schulen des Beat debattieren, Mick Jagger seine Memoiren veröffentlicht, Yoko Ono sich über ihren Einfluß auf John Lennon vernehmen läßt und "Sympathy for the Devil" ein rührender Evergreen ist.

Dieter E. Zimmer