Nach Straßenkrawallen und Rededuellen zum Abschied: "Auf Wiedersehen"

Von Carl-Christian Kaiser

Fast scheint es, als liege Kassel schon weit zurück. Was vor einer Woche noch Fokus der politischen Energien, Blickpunkt der Nation, Quell heftiger Emotionen und Anlaß eines ungeheuren organisatorischen Aufwands war, beginnt bereits zu einem historischen Datum zu werden – historisch nicht im Sinne eine säkularen Tages, sondern als eine von vielen Markierungen auf einem langen Weg, an dessen erste Stationen man sich, sollte das Ziel je erreicht werden, kaum noch wird erinnern können.

Gewiß, die Auseinandersetzungen dauern an, Kassel bleibt auf der politischen Tagesordnung, die Opposition verlangt Rechenschaft über das, was auf dem zweiten deutschen Gipfel geschehen ist, und sieht Grund zu neuen massiven Vorwürfen. Doch so hitzig die Debatte auch sein und sich anhören mag, als sei die Stunde der Entscheidung schon gekommen, so unaufhaltsam breitet sich die Einsicht aus, daß in Erfurt und Kassel eine Entwicklung erst ihren Anfang genommen hat, die über Jahre hinweg reichen wird.

Das war auch schon nach Erfurt zu erkennen gewesen. Doch was sich dort ereignet hatte, die spontane Demopstration für Willy Brandt, die Tatsache, daß die beiden deutschen Regierungschefs einander nicht mit finsterer Verbissenheit gegenübersaßen, die glatte Einigung auf ein neues Treffen – dies alles hatte Phantasie und Hoffnungen beflügelt. Und hatte nicht auch der Kanzler bei seinem Bericht vor dem Bundestag von einem "starken menschlichen Erlebnis" gesprochen? Da verschlugen die – je näher die zweite Zusammenkunft rückte, desto häufiger ausgesprochenen – Warnungen wenig, nur nicht zuviel zu erwarten. Wenngleich sie sich kaum begründen ließ, knüpfte sich doch an Kassel die Hoffnung, daß sich entgegen allen Vorzeichen irgendein Fortschritt einstellen werde.

Indes, die Vorzeichen haben nicht getrogen, und Willy Brandt war der erste, der daranging, Enttäuschungen abzufangen und jenes Koordinatensystem seiner Ostpolitik wieder freizulegen, das von den Hoffnungen, die Erfurt geweckt hatte, fast überdeckt worden war. Als er am Tage nach Kassel vor die Bonner Journalisten trat, sprach er sofort davon, daß das Treffen mit Willi Stoph nicht als Ereignis für sich genommen werden dürfe, sondern im Zusammenhang mit den Sondierungen in Moskau und Warschau gesehen werden müsse.

Signal aus Moskau