Kein nacktes Mädchen, sondern der Urgroßvater mütterlicherseits i n öl und goldgerahmt ziert Hans Peter Feussners Büro in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs. Das Wort "Pornographie" würde er lieber durch "Sexualkunde" ersetzt sehen. Und sein Partner Klaus Tietje hatte anfänglich sogar Hemmungen, "am Zeitungskiosk so ein Blatt zu verlangen".

Just mit "so einem Blatt" begründeten die beiden den größten geschäftlichen Erfolg ihres Lebens. Vor acht Wochen lieferten sie die erste Nummer ihres "St. Pauli Anzeigers" an bundesdeutsche Kioske. Bereits jetzt bringen sie jede Woche über 800 000 Exemplare ihrer neuen SexZeitschrift unters Volk.

Spektakulären Auflagenerfolg hätten die beiden Sex Verleger, obwohl zwei andere St -PauliGazetten den neu entdeckten Markt der PornoPresse bereits vor ihnen ins Visier genommen hatten: der Hamburger Raritätenhändler Helmut Rosenberg mit seinen täglich erscheinenden "St. Pauli Nachrichten" (Auflage: über eine Million) und sein von ihm abgefallener Partner Joachim Driessen, der von seiner "St. Pauli Zeitung" mehr als 800 000 Exemplare druckt.

Der Boom der beiden Hamburger PornoPostillen brachte Anfang dieses Jahres den Kieler Kaufmann Klaus Tietje, 42, auf die Idee, in der graphischen Lustbranche mitzuverdienen. Tietje, der früher in einem Verlag gearbeitet und später als Sanitärkaufmann Klosetts und Badewannen an den Mann gebracht hatte, entsann sich bei seinem Plan eines Freundes, mit dem ihn längjährige Geschäftserfahrungen verbanden: der Kölner Hans Peter Feussner, 39, der mit dem Verkauf von Pelzen und Teppichen auf Autobusfahrten nach Holland und Luxemburg (sogenannten "Kaffeefahrten") reich geworden war. Freund Tietje hatte zur gleichen Zeit von Kiel aus Bustouren nach Dänemark organisiert. Mit den Worten "Komm, da ist ein tolles Geschäft für uns drin" lockte Tietje seinen Kölner Kollegen, den die Ärzte nach zwei Herzinfarkten gerade zu einer ausgedehnten Kur in die Schweiz geschickt hatten, heim nach Deutschland. Hans Peter Feussner setzte sich in seinen Buick, fuhr nach Hamburg und bezog an der renommierten Eibchaussee Quartier.

Überlegungen, ihr Porno Objekt unter, dem Namen "Kieler Sprotte" eintragen zu lassen oder mit München Appeal als "Schwabiachen" herauszubringen, ließen die Verlagsneulinge rasch wieder fallen. Das Sex Synonym "St. Pauli", so erkannten die beiden, sei in seiner Werbewirkung durch nichts anderes zu ersetzen. Um mit ihrem Druckwerk ohne Zeitverlust in den Kampf um Kioskkunden eingreifen zu können, vergaben sie wichtige Aufgaben an Experten: den gesamten Redaktionsteil, vornehmlich Sex Stories und Porno Bilder, liefert gegen Pauschalhonorar der einschlägi 5 erfahrene Lustautor Wolf gang Biehler, 25, der mit einem Team von acht Textzulieferem noch andere Sex, Witz- und Rätselmagazine versorgt. Mit dem Vertrieb betrauten Tietje und Feussner die Frankfurter Firma E. W. Hirsch & Co, die früher, unter anderem den "Playboy" und heute 28 Blätter, von der "Hundewelt" bis zum "Camping Journal", vertreibt - r r r Mit der Unbekümmertheit von Newcomern druckten die beiden Xaufleüte ihre Sex Schrift mit dem doppelten Preis aus, den das bis dahin teuerste St -Pauli Blatt, die "St. Pauli Zeitung", verlangt latte: mit einer Mark. Wem Fleischliches in Text und Bild 50 Pfennig wert sei, so spekulierten Feussner und Tietje, der legt auch eine Mark auf die Kiosktheke.

Die beiden Verleger, die je zur Hälfte an der St. Pauli Anzeiger Verlag GmbH (Stammkapital: 100000 Mark) beteiligt sind, sollten mit ihrer Spekulation recht behalten. Bereits die erste Nummer der Mitte März im Rollenoffsetdruck hergestellten Zeitung (Auflage: 420 000 Stück) war, so Feussner, "in 48 Stunden vergriffen". Die zweite Ausgabe ging bereits mit 580000 und die dritte mit 640000 Exemplaren von den Rotationsmaschinen des Druckhauses . Oldendorf in Itzehoe. Als die ehemaligen Kaffeefahrten Könige mit der vierten Nummer ihr ursprünglich vierzehntägig erscheinendes PornoBlatt auf wöchentlichen Rhythmus umstellten, hatten sie den Großteil ihrer Anlaufkosten (einschließlich für die in Fußballstadien verteilte Nullnummer: 500000 Mark) wieder" in der Kasse. Dank eines Anzeigenanteils von gut einem Drittel (je zur Hälfte Partnerinserate und gewerbliche Annoncen von Nuditätenverlegern, Drogenversendern und Bekanntschaftsvermittlern) wollen Feussner und Tietje bis Ende des Jahres einen Überschuß von einer Million Mark erwirtschaftet haben.

Doch die beiden Branchenneulinge kamen nicht einmal dazu, die ersten Früchte des Erfolgs in ungetrübter Freude zu genießen. Um sich den hautnah mit seinen "St. Pauli Nachrichten" konkurrierenden "St. Pauli Anzeiger" vom HakiZu halten, zwang Marktprimus Rosenberg die Nebenbuhler mit Hilfe des Gerichts, Stilanleihen aus ihrem Zeitungskopf zu tilgen. So mußten Feussner und Tietje den Titelschriftzug ändern und auf die dominierende Schmuckfarbe Orange verzichten. Dagegen dürfen sie den Namen St. Pauli weiterhin in ihrem Namen führen. Hans Peter Feussner: "So etwas kann keiner für sich allein beanspruchen "