DIE ZEIT

An Moskau führt kein Weg vorbei

In Kassel ist der deutsche Gipfel erst einmal zusammengesackt. Schneller als erwartet hat das ursprüngliche ostpolitische Ausgangsschema des Kanzlers, das durch das Erfurter Treffen in der internationalen – und auch in unserer – Optik durcheinander geraten war, seine Geltung zurückerlangt: Fundamentale Aspekte eines geregelten deutschen Nebeneinanders müssen zurücktreten hinter den Ausgang des Verständigungsversuches mit der Sowjetunion.

Satyrspiel

Wie im Altertum das Satyrspiel auf die Tragödie, so folgte in Kassel auf die große Politik die Schmieren-Darstellung provinzieller Zerknirschtheit.

Schlechtes Geschäft

Pünktlich zum Treffen in Kassel konnte die DDR einen ihrer größten außenpolitischen Erfolge präsentieren: die Anerkennung der DDR durch Algerien.

Schützenhilfe

Keine Angst vor großen Tieren – so möchte man das Urteil überschreiben, das jüngst die acht Richter vom Zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe der Bundeswehr ins Stammbuch schrieben.

Cricket-Krach

Nach wochenlangem Hin und Her ist die südafrikanische Cricket-Nationalmannschaft aus ihrem England-Gastspiel wieder ausgeladen worden.

ZEITSPIEGEL

In der Schweiz verstärken sich die Stimmen, die eine "Überfremdungsgefahr" befürchten. Von den 972 000 Ausländern, so argumentieren die Schweizer Nationalisten, drohe die Vermischung von Rasse, Blut und Erbanlagen.

"Zur inneren Gesundung des Volkes"

Sie kamen zum Hambacher er Schloß, den Geburtstag des Grundgesetzes auf ihre Weise zu feiern. Und als sie am Wochenende die demokratische Traditionsstätte an der Weinstraße wieder verließen, glaubten sie, "den terroristischen Zeitgeist in die Schranken gewiesen und eine Wende zur inneren Gesundung des deutschen Volkes herbeigeführt" zu haben.

Zweiter Deutschland-Gipfel der beiden Regierungschefs Brandt und Stoph: Nur eine Etappe auf einem langen Weg: Der dramatische Tag von Kassel

Fast scheint es, als liege Kassel schon weit zurück. Was vor einer Woche noch Fokus der politischen Energien, Blickpunkt der Nation, Quell heftiger Emotionen und Anlaß eines ungeheuren organisatorischen Aufwands war, beginnt bereits zu einem historischen Datum zu werden – historisch nicht im Sinne eine säkularen Tages, sondern als eine von vielen Markierungen auf einem langen Weg, an dessen erste Stationen man sich, sollte das Ziel je erreicht werden, kaum noch wird erinnern können.

Atempause für Stoph

Der Pressesprecher der DDR-Delegation, Peter Lorf, war am Abend des Kasseler Treffens nicht mißzuverstehen: Weitere Gespräche zwischen den deutschen Regierungschefs werde es nur geben, wenn die Bundesregierung zur völkerrechtlichen Anerkennung der DDR bereit sei.

Denkhilfe für die Denkpause

Heinrich Albertz, als Nachfolger Willy Brandts, einst Regierender Bürgermeister in Berlin, wurde schon am frühen Sonntagmorgen ärgerlich "eingestimmt".

Nixon im Sog der Rechten

Als Richard Nixon zum Präsidenten gewählt worden war, stellte er seine zwölf Minister der Öffentlichkeit in einer Sondersendung des Fernsehens vor.

Die Erzengel fielen weich

Nach dem Machtwechsel in Bonn war es die Fraktion der CDU/CSU, die am schnellsten den Übergang in die Opposition fand. Sie hat diesen Vorsprung gehalten.

Murren im Schatten

Während Willy Brandt sich auf Kassel vorbereitete und das zweite deutsche Gipfeltreffen die Gemüter beschäftigt, hat Kurt Georg Kiesinger bei Präsident Nixon und Außenminister Rogers Besuch gemacht.

Furcht in Frankreich

Frankreich erlebte im Mai eine Reihe von Bombenanschlägen, Überfällen und Brandstiftungen. Einige Städte, wie Grenoble, lebten tagelang in Furcht.

Philosophie in Deutschland: Verfall der Philosophie

Die Behauptung, Deutschlands Philosophie befinde sich in einem Verfallsprozeß, ist für die Öffentlichkeit nur so lange belanglos, wie die Philosophie verwechselt wird mit den dahinvegetierenden philosophischen Fakultäten an den Universitäten.

Nato: Weniger Soldaten?

Die Entspannung in Europa war das beherrschende Thema der Nato-Frühjahrskonferenz, die am Dienstag in Rom begann. Auf Vorschlag der Bundesregierung und mit Unterstützung Großbritanniens wurde der Nato-Rat ersucht, deutlicher als in den letzten Jahren den Ländern Osteuropas eine ausgewogene gegenseitige Verminderung der Truppen und Rüstungen anzubieten.

Dritte Kriegsfront

Der nahöstliche Schlagabtausch von Attacke und Gegenattacke nimmt seinen unheilvollen Fortgang: Nachdem palästinensische Partisanen vom Libanon aus einen israelischen Schulbus beschossen hatten, stieß eine israelische Kampfgruppe zum zweitenmal binnen weniger Tage über die Grenze in den Südlibanon vor.

Dokumente der ZEIT

"Unfähig den Krieg in Vietnam und Laos zu gewinnen, haben die amerikanischen Aggressoren in verräterischer Weise den reaktionären Staatsstreich der Clique Lon Nol/Sink Matak inszeniert, in unverschämter Weise ihre Truppen zur Invasion nach Kambodscha geschickt und die Bombardierung von Nordvietnam wiederaufgenommen.

Harte Probe für Nixon

Die Absicht des amerikanischen Präsidenten Nixon, bis Ende Juni die meisten US-Kampftruppen und Militärberater aus Kambodscha zurückzuziehen, wird in den nächsten Wochen noch auf eine harte Probe gestellt werden.

Straßenschlacht nach der Parade

Fast vierzehn Tage nach der gewaltsamen Befreiung des 27 Jahre alten Kaufhausbrandstifters Andreas Baader blieb die Fahndung nach ihm noch ohne Resultat.

Örtlich anders betäubt

Der letzte Roman von Günter Grass, "Örtlich betäubt", heißt in der amerikanischen Ausgabe "Local Anaesthetic und steht seit Wochen auf den US-Bestsellerlisten.

Kunstkalender

Noch einmal Max Ernst, nach der Großretrospektive (Stockholm, Amsterdam, Stuttgart) eine weniger ambitionierte Darbietung, die Sammlung de Menil.

ZEITMOSAIK

Mit ihrem ungeliebten, unverständlichen Hochschulgesetz versuchen die hessischen Hochschulen auf verschiedene Weise fertig zu werden.

Was, wann und wo er mag

David Hockney hat ein fröhlich feistes Klein-Jungen-Gesicht, einen wasserstoffsuperoxydblonden Haarschopf, er trägt eine Brille mit Gläsern im Untertassenformat und mit Vorliebe lindgrüne Anzüge.

Drama vom Verfall

Vorauszusehen war es nicht, daß dieser Abend ein Glücksfall wird: für Brechts und Feuchtwangers Bearbeitung (1923) des Marloweschen "Eduard II.

Wer kennt Walser?

Wo die Oberschulen für sich kein neues Programm entwickeln konnten, weil die Hochschulen noch am alten haften, und die Hochschulen es dann mit Studenten zu tun bekommen, die ihre Unsicherheit und Unwissenheit im günstigsten Falle mit ideologischem Engagement verdecken, bleiben Konflikte unausweichlich.

FILMTIPS

Im Fernsehen: "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" (1963), von Stanley Kubrick, West III am 29. Mai. "Tagebuch einer Kammerzofe" (1946), von Jean Renoir, West III am 30.

Krieg als Gaudi

Die ‚Helden‘ dieser Komödie sind drei Ärzte in einem amerikanischen Feldlazarett. Sie sind keine Kostverächter. Das Leben ist zwar eines der schwersten, aber mit Humor und Frechheit kommt man besser über die Runden.

Gesucht: Unzucht

Da haben, merkt man, sehr tüchtige Leute sehr lange gebrütet, sich vieles vorgestellt, an einfach alles gedacht. Ihre Bemühung galt einem Gegenstand von pestilenzartiger Wirkung, einem, den es dingfest zu machen hieß, einem, dem alles zuzutrauen war, dem Unding an sich: Unzucht.

Fleisch

Natürlich soll der Underground endlich Overground werden, soll er aus seinem elitären Inside-Betrieb heraus und ans große Publikum; natürlich muß auch die Entmündigung des Publikums durch eine rückständige Moralzensur endlich aufhören – wer will das nicht.

KRITIK IN KÜRZE

"Imagination und Ironie" von Costa Pinheiro. Der portugiesische Künstler, der seit Jahren in Deutschland lebt, sozusagen die "deutsche Flanke" der ehemaligen KWY-Gruppe (René Bertholo, Jan Voss, Lourdes Castro, Christo), entwarf ab 1967/68 eine "Anti-Stadt", Citymobil.

Joseph Roths Weg und Welt

Gewiß, zu den überragenden Figuren der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts gehört er nicht. Gewaltige Werke hat er niemals geschrieben.

Keine Vorliebe fürs Dunkle

Alfred Kubin schrieb seinen Roman "Die andere Seite" an einem Wendepunkt seines Lebens: als die Visionen, Träume und Traumata seiner frühen Jahre zu verblassen begannen und er sich in der ländlichen Abgeschiedenheit seines Zwickledt 1908 einem beruhigteren, ausgeglicheneren Zeichenstil zuwandte.

Geheimnisse des Mezzogiorno

Das Gefühl, in seinem Wert nicht erkannt zu werden, "läßt den Süden weiterhin zwischen zwei anarchischen Versuchen hin und her schwanken: der, die Arme zu verschränken und nichts zu tun, und der, ein todbringendes Gewehr in die Hand zu nehmen".

Fernsehen: Der Hofbericht

Nicht Interview und Kommentar (Merseburger formulierte einfallsreich und präzise), nicht die gediegene Information (rühmenswert die Aufzeichnung der DDR-Berichte aus Kassel): die live- Reportage bleibt die Schwäche des Fernsehteams der ARD.

Alternativ-Programm zu Leussinks Thesen: Der Salto der Rektoren

Nach dem Motto "Wirf dein Hemd über den Fluß und dich selbst hinterher" hat das lange Jahre als unfähig verschriene Gremium der Rektoren auf die vierzehn Thesen Leussinks für die Öffentlichkeit überraschende Antworten zum Hochschulrahmengesetz gegeben.

Baisse – und kein Ende?

Abergläubische mögen glauben, dies sei einschlechtes Omen: das siebte Jahrzehnt begann mit dramatischen Kursstürzen an den Börsen der Welt, die allenthalben Erinnerungen an das Krisenjahr 1929 geweckt haben.

Wolf Wolf Krüger:: Die Zahlen auf den Tisch

Relativ einig ist man sich: über den Generalübeltäter, den Staat. Schon weniger einig ist man sich darüber, welcher Bundesregierung, der vorigen oder der jetzigen, die Hauptverantwortung: an der verlorenen Stabilität anzulasten ist.

Schatten

Ehrwürdige Lords und prunksüchtige Maharadschas, Nabobs und Ölscheichs sind die Kunden. Sie haben dem Unternehmen Glanz verliehen.

Verfrühstückt

Der Professor ist besorgt über die "Frühstückslage der Nation". Er warnt vor dem deutschen Hotelfrühstück (Standardausführung: zwei Brötchen, Butter, Marmelade, Kaffee), das der Gesundheit auf die Dauer unweigerlich schaden müsse, und preist die kräftigende Wirkung von Eierspeisen, die Bekömmlichkeit von Milch und Vollkornbrot.

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