„Imagination und Ironie“ von Costa Pinheiro. Der portugiesische Künstler, der seit Jahren in Deutschland lebt, sozusagen die „deutsche Flanke“ der ehemaligen KWY-Gruppe (René Bertholo, Jan Voss, Lourdes Castro, Christo), entwarf ab 1967/68 eine „Anti-Stadt“, Citymobil. Der Preis, den er dafür von der Erika-Reuter-Stiftung in Lemförde erhielt, wurde zum ersten Band in der neuen „Projekt-Art“-Reihe des Starczewski Verlags. Das Buch wurde zu einer von Pinheiro selbst geschriebenen und gezeichneten Konfession, zum Plädoyer des Künstlers für eine andere, freie, imaginative Welt. Um das zu erreichen, montiert Costa Pinheiro vorgestellte Dialoge (etwa mit El Lissitzky) und science-fiction-Szenen, konfrontiert eine sehr persönliche, poetische Zeichensprache mit politischen Daten, überprüft die Unmöglichkeit unserer Gegenwart an der Möglichkeit einer Zukunft. Sie gehört dem Insektmenschen, der den Tiermenschen (primitive Instinkte, Brutalität, Körperkraft), den Mechanikmenschen (Grausamkeit, Komplexe) abgelöst hat. Ein Spiel? Gewiß ein Spiel, das aber die Inhalte einer neuen Technologie abzeichnet. Es ist ein ehrliches Buch. Costa Pinheiro hat begriffen, daß es heute nicht mehr um „Stile“ geht, wie uns die Apparate der Kunst noch immer glauben machen wollen, sondern um die Fähigkeit des Menschen, zu überleben. Und das heißt: anders zu leben. (Starczewski Verlag, München; 86 S., 12,80 DM)

Jürgen Claus

„Natur und menschliche Natur – Die Selbstbefreiung des Menschen aus den Zwängen der Instinkte“ von Alex Comfort. Nicht allein durch Sprache, Werkzeuggebrauch und abstraktes Denken unterscheidet sich der Mensch von seinen tierischen Ahnen, sondern auch durch die überwältigende Rolle, die (durch Fortfall des weiblichen Brunftzyklus) die Sexualität für sein gesamtes Sozialverhalten spielt – eine biologische Tatsache, die selten gesehen wird und unserer anerzogenen Neigung, gerade die Sexualität für das Tierischste an uns zu halten, widerstreitet. Für Comfort ist sie einer der wichtigsten Ausgangspunkte seiner Überlegungen. Seine Gedanken über Ursprung und kulturelle Bedeutung der Sexualverdrängung (über Freud hinausweisend die Herleitung aus infantilen Ängsten, die freilich ihrerseits der Begründung bedürfen), zum Aggressionsproblem (ein großer Teil der menschlichen Aggressivität beruht auf Entfremdung von der vegetativ animalischen Seinsweise), zum Irrationalen in der Technik (glänzender Einfall: Raketen und Atombomben als moderne Entsprechungen zu den Todesgöttern der Primitiven), zur Gefühlserziehung, zur „Erotisierung des Lebens“ und zur Versöhnung von Denken und Fühlen als Zukunftsaufgaben der Menschheit sind, vielleicht darum so fruchtbar und anregend, weil der Autor sich einerseits beherzt das Spekulieren gestattet und sich dabei die Phantasie nicht durch tradierte Wertnormen beschneiden läßt, andererseits aber besonnen genug ist, den Beitrag der Biologie und Verhaltensforschung zur Bewältigung der großen Menschheitsprobleme nicht in fertigen Antworten, sondern in neuartigen Fragestellungen zu suchen. Im einzelnen wäre vieles kritisch zu diskutieren, im ganzen ist es ein höchst erfrischendes, gedankenreiches Buch eines freien, undogmatischen und menschenfreundlichen Geistes, dessen Lektüre neue Denkimpulse vermittelt. (Rowohlt Verlag, Reinbek; 287 S., 25,– DM)

Hans Krieger