Der letzte Roman von Günter Grass, „Örtlich betäubt“, heißt in der amerikanischen Ausgabe „Local Anaesthetic und steht seit Wochen auf den US-Bestsellerlisten. Anders als in Deutschland reagierte auch die Kritik vorwiegend heiter auf das Buch, ja Grass selbst gelangte kurz zuvor als erster deutscher Autor nach 1945 auf das Titelblatt des Time-Magazins, das ihm eine hymnische Titelgeschichte widmete.

Man muß sich dazu daran erinnern, wie unfreundlich die Aufnahme des Grass-Romans über APO-Meditationen während einer Zahnbehandlung in der Bundesrepublik war.

War es bei uns nur der damals wütende Wahlkampf, der das Buch so überschattete, daß man Grass’ literarische Auseinandersetzung mit einer harmlosen Gymnasial-Variante der Berliner APO, die sich vor allem über kuchenverschlingende Café-Kranzler-Omis zu der Verzweiflungsaktion einer Dackelverbrennung inspirieren lassen wollte, auch harmlos unterschätzte? Wird das Buch nun, über den Umweg New York, rehabilitiert – auch deshalb, weil in Amerika nicht eine Theaterfassung („Davor“) das Thema schon im voraus zu geschwätzigen Bühnendialogen verhökerte?

Ähnliches passierte ja vor drei Jahren Martin Walser in Paris. Dort nämlich wurde „Eiche und Angora“, das bei seiner deutschen Uraufführung durchfiel, zu einem Theaterereignis der Saison; Walser war mit einem Schlage der neben Peter Weiss in Frankreich am höchsten geschätzte deutsche Gegenwartsdramatiker.

Eine falsche Einsicht, die man aus dem amerikanischen Aufstieg des Grass-Romans gewinnen könnte, wäre die, daß die heimische Kritik besonders mißgünstig ist, daß also der Prophet im eigenen Lande nichts gilt.

Eine andere Fehleinschätzung wäre die, daß wir jetzt von oben herab auf die amerikanischen Lobredner Grass’ blicken könnten, weil die eben die Berliner Verhältnisse nicht so richtik zu beurteilen in der Lage sind und daher Grass für einen getreuen Biographen der Situation im Berlin der letzten Jahre halten,

Wichtiger scheint mir zu sein, daß man sich bei dieser Gelegenheit klarmachen kann, wieviel Gesichtspunkte für die Beurteilung eines Buchs eine Rolle spielen können – Gesichtspunkte, die von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden sind.