Die Kritik hat es, ob sie will oder nicht, immer auch mit einer Wirkung zu tun, mit einer Zeit- und Lokalstimmung, von der sie nicht frei sein kann und sollte. Sie kann sich vormachen, daß ihre Kategorien dem Tage enthoben wären, für den sie doch schreibt. Aber sie begibt sich gerade in dieser Einbildung, die ihr Amt zu einem unabhängigen Richteramt emporzuläutern sucht, ihrer Aufgabe, zwischen dem Werk und dem Publikum das zu vermitteln, was erst durch die spätere Abwanderung in die Literaturgeschichten verloren geht: die akute, von momentanen Stimmungen, von herrschenden Verhältnissen eingefärbte Rezeption eines Buchs.

Man kann sich also wieder einmal daran erinnern, daß die auf ewig fixierte Rangfolge literarischer Bedeutung eine Fiktion ist, die Bücher und Theaterstücke aus dem Zeitverlauf herausnimmt, sie einpuppt in Klassizität – als ob die etwas ein für allemal Gesichertes wäre.

Bücher halten einmal das fest, was der Autor als seine Erfahrungen niedergeschrieben hat. Für ihre Wirkung ist genauso entscheidend, daß diese Erfahrungen mit wechselnden Erfahrungen und Bedürfnissen der Leser zusammenstoßen. Weder der Leser noch das Buch überstehen dieses ständig sich verändernde Experiment unverändert.

Das heißt nicht für einen Subjektivismus plädieren, der ohnehin nur eine andere Fiktion wäre, weil man übersehen müßte, wie sehr sich sowohl im Autor wie im Interpreten die Linien der Zeitbedürfnisse und Ortsverhältnisse kreuzen. Das heißt nur, daß es in der Literaturkritik ein „So ist es ein für allemal“ gar nicht geben kann. Hellmuth Karasek