Von Hans Gresmann

Sabina Lietzmann, die New Yorker Korrespondentin des Blattes, schickte ein Protesttelegramm, in dem sie gegen die „Politbüro-Methoden“ protestierte. Und Margret Boveri, eine andere Mitarbeiterin, sprach von einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Derweil versammelten sich in der Zentrale der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über hundert Redakteure und Korrespondenten, um ihre zum Teil leidenschaftliche Kritik an der handstreichartigen Absetzung des langjährigen Mitherausgebers, politischen Chefs und Leitartiklers Jürgen Tern vorzubringen.

Bei der guten alten FAZ, deren Image nach außen immer auf Seriosität und Wohlanständigkeit gebosselt war, schlugen im Inneren plötzlich die Wellen der Empörung empor. Nicht wenige Redaktionsmitglieder, gerade die jüngeren, mochten die Erklärung der Geschäftsleitung nicht akzeptieren, diese Kündigung sei „die Konsequenz aus Spannungen hinsichtlich des Führungsstils und aus einem übersteigerten Führungsanspruch Terns gewesen“.

Zwar wollte niemand von denen, die mit ihm zu arbeiten hatten, leugnen, daß der Friese Jürgen Tern nicht gerade ein umgänglicher Kollege und Vorgesetzter gewesen sei. Aber das war schließlich schon lange bekannt, hatte manchen gestört, aber niemanden auf die Barrikaden gebracht, auch nicht seine fünf Confrères, die gemeinsam mit ihm als Herausgeber der FAZ fungieren. „Er war“, meinte jetzt einer der Redakteure, „ein Eisenkopf mit Nußknacker-Charme – aber gewiß kein Diktator!“

Warum also hatte Tern gleichsam über Nacht und im Nebel das Haus verlassen müssen? Nirgendwo, weder innerhalb der FAZ noch außerhalb, konnte unbemerkt bleiben, daß dies zu einem Zeitpunkt geschah, da dieser früher eher konservativ geprägte Journalist in einer Reihe von Kommentaren aus seiner intellektuellen Sympathie für die Politik, vor allem für die Ostpolitik der sozialliberalen Regierung keinen Hehl gemacht hatte.

Im letzten Leitartikel, den Tern schrieb, bevor er nicht entlassen, sondern gefeuert wurde, steht: „Die Fronten in Bonn verhärten sich... Mag dem sich in kritischer Distanz verhaltenden Beobachter manches noch wie Theaterdonner erscheinen – die Worte werden bissiger, die Gesten aggressiver, die Angriffe verletzender.“ War es denn doch kein Theaterdonner, und hat die kritische Distanz dem Autor wenig genützt?

Sicher ginge es zu weit zu sagen, die jüngste Bonner Konfrontation finde ihren Widerhall im Sanktuarium der sich stets so unabhängig und im höheren Sinne liberal präsentierenden Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zunächst einmal, das ist klar erkennbar, wurde hier ein Machtkampf ausgefochten zwischen den beiden starken Männern des Hauses, zwischen Tern und seinem Herausgeberkollegen Erich Welter, der schon vor fünfzehn Jahren an der Entmachtung Paul Sethes beteiligt war.