Im ehemaligen Welfenland findet – ebenso wie in Nordrhein-Westfalen und im Saarland – von nun an jeweils neun Monate nach der Bundestagswahl eine Art „Nachwahl“ statt. Nahezu die Hälfte der Stimmbürger in der Bundesrepublik entscheiden darüber, wie gut oder wie schlecht in Bonn regiert wird. Mehr denn je sind die Abstimmungen in diesen drei Bundesländern – Bayern, vor Niedersachsen der größte Flächenstaat, folgt im November, Hessen im Oktober – eine Testwahl für die Bundespolitik.

An sich wären die Niedersachsen erst im Juni 1971 an der Reihe gewesen. Doch was bisher noch in keinem Land geschehen ist, leistete sich der Hannoversche Landtag: Er löste sich vorzeitig auf. Den Anlaß zu diesem einmaligen Vorgang lieferte ein monatelanger, ermüdender Streit zwischen den Partnern der Großen Koalition, zwischen SPD und CDU; unfreiwillig beendete ihn die FDP, die sich – auf Drängen ihrer Bonner Parteioberen – nicht mit den Christlichen Demokraten gemein machen und den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Georg Diederichs stürzen wollte. Ob sie nun auch den Nutzen von ihrer erzwungenen Mannhaftigkeit haben und in den Landtag zurückkehren wird, ist die Frage, die alles entscheidet. Nur wenige wagen vorläufig zu prophezeien, ob sich das an Zahl und Persönlichkeiten magere Häuflein der Liberalen über die Fünf-Prozent-Hürde retten kann. 1967, bei der letzten Landtagswahl, hatten sie noch keine Mühe (6,9 Prozent); 1969, bei der Bundeswahl, schafften sie es gerade noch (5,6 Prozent).

Zweifelhaft ist, welche von den beiden großen Parteien als Sieger aus dem Rennen hervorgehen wird. Aus taktischen Gründen reden die Wahlkampfmatadore der SPD und der CDU von einem Wettlauf Kopf an Kopf. Jeder von ihnen will damit den letzten Wähler mobilisieren. Freilich hat die CDU seit 1955 bei den Landtagswahlen immer ein Stück dazugewonnen und den SPD-Vorsprung verkürzt; er lag 1957 bei knapp 1,4 Prozent. Ob dieser Aufwärtstrend anhält, ist indessen aus mehreren Gründen fraglich:

  • Bisher konnte Niedersachsens CDU davon profitieren, daß die Union in Bonn an der Macht war. Das kam ihr auch bei den Bundestagswahlen zugute, wo sie stets die SPD überflügelte.
  • Mehr als zehn Prozent der rund fünf Millionen Wahlberechtigten sind Neuwähler, darunter fast 300 000 Erstwähler zwischen 18 und 21 Jahren. Sie sind ein Reservoir vor allem für die Sozialdemokraten.
  • Wilfried Hasselmann, der CDU-Spitzenkandidat, kann mit seinem SPD-Kontrahenten Alfred Kubel im Popularitäts-Wettlauf nicht Schritt halten. Diederichs hatte den Finanzminister schon lange vor dem Koalitions-Desaster zu seinem Nachfolger bestimmt; Hasselmann, als Landwirtschaftsminister weniger bekannt, gelangte erst durch die Krise auf den ersten Platz seiner Partei, den Kultusminister Langeheine, wie Diederichs 70 Jahre alt, notgedrungen frühzeitig räumen mußte.
  • Die CDU schaffte es ebensowenig, ein Kontrastprogramm zur SPD zu entwickeln. Beide Parteien versprechen den Wählern dasselbe: mehr und bessere Schulen, mehr und sichere Arbeitsplätze, Hilfe für die Bauern, Reformen in der Verwaltung und der Gebietsstruktur.

Daß in Hannover über Bonn abgestimmt wird, hat Hasselmann unterdessen selber offen zugegeben. Er schrieb: „Von Hannover müssen starke Impulse ausgehen, um die derzeitige Bundesregierung abzulösen, ehe sie weiteren kaum reparablen Schaden für das deutsche Volk anrichten kann.“

Sollten die Freien Demokraten, die im April zwangsläufig und mit schwacher Mehrheit für den Auflösungsantrag der SPD votiert hatten, noch einmal mit blauem Auge davonkommen, werden sie sich aller Voraussicht nach an das Bonner Modell halten und mit den Sozialdemokraten koalieren. Auch im Bundesrat hätten dann Brandt und Scheel vor der CDU-Opposition einen knappen Stimmenvorsprung. Bliebe dagegen die FDP, der weinende Dritte dieser unprogrammgemäßen Wahl, draußen vor der Landtagstür, fiele die Entscheidung um die Macht allein zwischen der SPD und der CDU. Es wäre das erste Zwei-Parteien-Parlament in Niedersachsen und es wäre, bei einem Sieg der Christlich-Demokraten, auch das erste Mal, daß die SPD durch das Votum der Bürger in die Opposition verbannt würde.

Die FDP wird also, in stärkerem Maße noch als in Nordrhein-Westfalen oder im Saarland, den Ausschlag geben, wer in Niedersachsen regiert. Ohne sie haben die beiden großen Parteien gegenwärtig nur geringe Chancen, mit einer überzeugenden parlamentarischen Mehrheit das Regierungsgeschäft zu übernehmen. Auch darum braucht Hannover die Liberalen, darum werden sie im Wahlkampf von ihren künftigen Partnern so geschont,