Von Cornelia Jacobsen

Deine Chance ist Berlin.“ An diesen Slogan, der westdeutsche Arbeitnehmer nach Berlin bringen soll, mögen einige Sozialdemokraten gedacht haben, als sie ihren ehemaligen Parteisprecher, den Deutschlandfunk-Chefredakteur Franz Barsig, vor zwei Jahren als Intendanten zum Sender Freies Berlin holten.

Barsig sah es als eine seiner Aufgaben im neuen Hause an, die Linken aufzuräufeln wie einen alten Pullover. Die Chancen, das zu verwirklichen, waren nicht schlecht in dieser Stadt.

Es ergab sich, daß alle Sendungen im Bereich Kultur, die anspruchsvoller als das normale Programm waren, den Unwillen des Intendanten erregten, den die Redakteure – flugs als „Linke“ klassifiziert – dann rasch zu spüren bekamen.

Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang ist die „Tonbandaffäre“: Von einer nichtöffentlichen Mitarbeiterkonferenz (am 21. März 1969) hatte Barsig heimlich einen Mitschnitt herstellen lassen; die Protokolle verschickte er in von ihm redigierter Form an die Mitglieder des Rundfunkrates und die Intendanten der anderen Sender. Der Strafantrag, den acht Redakteure daraufhin stellten – die damit plötzlich zur „Gruppe“ wurden –, liegt noch immer unbearbeitet bei der Berliner Staatsanwaltschaft. Wo geräufelt wird, da fallen Maschen.

Bislang blieb es dabei, daß auf Barsigs Aktivitäten die Betroffenen in der einen oder anderen Form reagierten, die Zeitungen applaudierten oder sich bestürzt zeigten, je nach Couleur.

Berliner Ballade