Köln

Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen...“, singt Kaiser Wilhelm in dem Musical Gut Holz Wilhelm“ von Gerd Jussenhoven und Karl Wesseler (Songs und Texte). Das heißt, so sollte er eigentlich singen, aber die deutschen Theater lassen sich nicht überzeugen. Vorläufig erregt diese „Musikalische Posse mit Gesang“ jedenfalls noch nicht die Aufmerksamkeit eines Theaterpublikums, sondern nur den Unwillen der Hohenzollern, die sich von einer angeblich ausgesprochen bösartigen Tendenz des Stückes angegriffen fühlen. Der Hohenzollern-Anwalt Dr. Wessing äußert sich nur noch grundsätzlich dazu: „Der Titel läßt doch schon vermuten, daß hier ein Mitglied des Hauses Hohenzollern verunglimpft werden soll. Es gibt doch immer noch das allgemeine Persönlichkeitsrecht, das über den Tod hinaus schützt. Was sonst noch so darüber an die Öffentlichkeit dringt, läßt auch nichts Gutes vermuten.“ Man zieht sich empfindlich getroffen zurück: „Wenn uns die Herren wenigstens ein Manuskript vorgeführt hätten. Als Diskussionsgrundlage. Aber so...“

Die Geschichte selbst und auch die Existenz als Musical ist aber schon älter als der Protest der Hohenzollern. Karl Wesseler fand einfach die permanent angebotenen Musicalstoffe mehr einseitig und „auf die Dauer stinklangweilig. Immer nur will der Westen ‚American way of life‘ oder rührselige Liebesgeschichten“. Er suchte nach einer typisch deutschen bühnenwirksamen Theaterfigur. Er entdeckte, daß Wilhelm II. so unbeschreiblich viel Unsinn erzählt hat, den dieser allein gar nicht verzapft haben konnte. Wesseler fand, so viel Unsinn könne nicht einer allein von sich gegeben haben, und erdachte für Wilhelm II. deshalb einen Doppelgänger. Damit war die Grundidee des Musicals geboren. „Ich kann in dem Stück nichts Ehrenrühriges oder sogar Bösartiges finden“, meint Karl Wesseler. Ich habe lediglich das Ergebnis einer Umfrage über unseren letzten Kaiser verarbeitet: ein komischer Alter, den niemand ernstgenommen hat. Das Musical darüber sollte einfach unterhalten, Musical und vordergründig. Aber unterhalten, herausfordernd? Überlegen Sie selbst: das hat doch gar keinen Sinn! Kabarett habe ich längs genug gemacht. Da sollten die Hohenzollern lesen, was Tucholskys sollten Feder über Wilhelm verbreitet hat. Dagegen ist unser Stück eins Ehrenrettung.“

Doch schon nach der ersten dpa-Meldung, also lange bevor sich die Hohenzollern-Anwälte überlange einschalteten, fanden Jussenhoven und Wesseler keine rechte Ruhe mehr: schriftliche und mündliche Drohungen von Kaisergetreuen nahmen kein Ende. „Es muß irgend etwas am Stoff besonders interessant sein. Vielleicht war es nur unklug, daß wir das Stück selbst angeboten haben. Tatsache ist nur, daß wir bis heute hervorragende Absagen sammeln können. Ich habe selten so gute Besprechungen für meine Stücke eingeheimst.“ In Bremen stellte man die Ehrenbürgerschaft von Prinz Louis Ferdinand vor einen Theatererfolg, Wuppertal wollte annehmen, aber der eventuelle Hauptdarsteller war leider gerade nicht frei. Der Kölner Intendant Brese begeisterte sich für das Stück und bedauerte: sein Orchestergraben sei zu klein. In Wiesbaden existierten noch Abonnenten aus der Kaiserzeit, die die Dramaturgie des Theaters nicht kränken wollte, ohne das Stück überhaupt zu lesen. München schließlich hielt es für richtiger, ein Stück über den „preußischen Kaiser“ jenseits des Mains uraufzuführen.

Nur Dresdens Theater erklärten sich bedingungslos bereit zu inszenieren. Das wiederum stieß auf den Unwillen des Komponisten Jussenhoven. Karl Wesseler mag den ganzen Rummel um die verhinderte „Klamotte mit Gesang“ nicht mehr. Er sieht nur noch die humoristische Seite: „Inzwischen verhält sich die Publicity umgekehrt proportional zur Möglichkeit einer Aufführung!

Renate Holy.