Ernst Fraenkel: „The Dual State – A Contribution to the Theory of Dictatorship“; übersetzt aus dem Deutschen von E. A. Shils, zusammen mit Edith Loewenstein und Klaus Knorr; Copyright: Oxford University Press, New York 1941; neu aufgelegt von Octagon Books, New York 1969.

Der Titel erschien seinerzeit den wenigen intellektuellen deutschen Schwejks, die sich trotz kriegsbedingten Schrumpfens ihrer Auslandskontakte das eine oder andere Exemplar unter der Hand weiterreichen konnten, wohl als das Gelungenste an diesem auch sonst treffenden analytischen Bericht über Justiz und Herrschaftssystem in Nazi-Deutschland. Gab er ihnen, die sich selbst oft genug fragten: „Wie konnte es dahin kommen?“, doch eine einleuchtende Antwort: Als „Doppelstaat“ ist nach diesem Buch das preußisch-deutsche Staatswesen schon bei seiner Konstituierung im 19. Jahrhundert angelegt gewesen – Doppelstaat insofern, als die Sphären von Recht und Politik (Macht) von allem Anfang an getrennt geblieben waren, wie es dem tragenden Bündnis von Großbürgertum und überkommener Obrigkeit entsprach.

Demgemäß versteht es sich auch, wenn sich hier (wie in anderen Arbeiten des Verfassers) die theoretischen Bemühungen Fraenkels mehrmals auf die Auseinandersetzung mit Autoren zuspitzen, die wie Carl Schmitt, aber – gewiß mit anderen Zielvorstellungen – auch Rudolf Smend jene spezifisch preußisch-deutsche Dichotomie noch vertieft haben, welche schließlich in die Symbiose von Kapitalismus und Faschismus einmündete: Dem Kapital verblieb sein um der Rationalität der Wirtschaftsordnung willen notwendiger Normenstaat („Normative State“), der freilich an den Rändern ungesichert und im Volumen disponibel war – ein letzter, schon im Kern pervertierter Abklatsch des Rechtsstaates; die neue Führung nahm sich ihren Maßnahmestaat („Prerogative State“), der nach und nach bis in die letzten gesellschaftlichen und individuellen Räume eindrang. Bis zum Ende ist es der SS nicht gelungen, die Herren der einfunktionierten „Festung Wirtschaft“ auszuschalten.

Der heute 72jährige Jurist Fraenkel ist aus der „Schule“ Hugo Sinzheimers hervorgegangen, die in der Reichsrepublik von den professionellen Hütern der akademischen Jurisprudenz wenig geschätzt wurde. Was er vor 30 Jahren seinen amerikanischen Lesern vorlegte, fand ein enormes Echo. Fraenkel, ehedem Vertreter des Deutschen Metallarbeiterverbandes und Lehrer an der Verbandsschule, war Spätemigrant. Noch bis 1938 war er als Rechtsanwalt beim Kammergericht tätig. Seine Eindrücke waren frisch und praxisnah, das Material war authentisch, die Darstellung unspekulativ, das deutsche Manuskript schon in Deutschland so gut wie abgeschlossen gewesen.

Das Buch war rund 20 Jahre lang vergriffen und selbst über die Fernleihe der Bibliotheken nur mit Glück und Mühe zu erhalten. Die Adressaten des Neudrucks sind recht eigentlich die Deutschen selbst (weshalb zu wünschen ist, daß bald auch der „Ur-Doppelstaat“ in deutscher Sprache herausgebracht werde). Wohl mag heute dank der verbesserten Quellenlage manches anders aussehen, als es sich dem Verfasser, der sein Werk in der „paradoxen Isolierung“ der stummen Opposition unter dem Nazi-Regime niedergeschrieben hat, damals darstellte. Auch wird sich Fraenkels Doppelstaat-Perspektive mancherlei Ergänzungen, Differenzierungen und Modifikationen gefallen lassen müssen (es blieb bisher allerdings im wesentlichen bei Franz Neumanns ebenfalls nur auf englisch zugänglichen „Behemoth“ von 1942).

Sodann wird Fraenkels eigenwillige Naturrechtskonzeption, die sich nicht zuletzt aus ersten Entdeckerfreuden an der Welt des Common Law speiste, nicht ohne beträchtliche Einbußen davonkommen. Und man braucht auch mit dem Pluralismusrezept und der Repräsentationslehre nicht einverstanden zu sein, die Fraenkel später und höchst temperamentvoll als wirksame Abwehrmittel gegen Refaschisierungen empfohlen hat (mit Devisen wie dem „konstruktiven Mißtrauensvotum“ gehören sie noch zu dem Arsenal, das der Reflexion vor allem von deutschen Sozialdemokraten der ersten Stunde post festum entstammt).

In jedem Fall bietet Fraenkels „Doppelstaat“ eine unersetzliche Hilfe zum Einstieg in die ’Auseinandersetzung mit der Rechts-, Staats- und Verfassungsdoktrin und -praxis des Nationalsozialismus, eine Auseinandersetzung, die heute, 25 Jahre nach der vermeintlichen Stunde Null, noch immer kaum begonnen hat.