Als Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller Mitte vergangener Woche feststellte, der finanzielle Nachholbedarf der Arbeitnehmer sei mit den diesjährigen Tarifabschlüssen gedeckt, hatten ihm die Gewerkschaften die Antwort längst gegeben. Gerhard Vater, Bundesvorsitzender der kleinen, aber feinen Gewerkschaft Holz und Kunststoff (GHK), hatte im hessischen Möbelstädtchen Kelheim, wo die GHK ihre „Kelheimer Gespräche“ veranstaltet, wieder einmal die Rolle des Vorreiters übernommen.

Es sei den Gewerkschaften noch längst nicht gelungen, den finanziellen Rückstand für die Arbeitnehmer aufzuholen, betonte Vater. In der Rezession 1966/67 seien „die Unternehmer zur Tränke geführt worden, ohne daß uns jemand gefragt hätte, ob auch wir Durst haben“.

Der GHK-Vorsitzende ließ keinen Zweifel daran, daß für die Gewerkschaften die „Konzertierte Aktion“ in ihrer bisherigen Funktion gestorben ist. Vater warf ihr – und damit Bundeswirtschaftsminister Schiller vor, daß sie in erster Linie dazu gedient habe, den Gewerkschaften den Segen für eine ungestörte Kooperation zwischen Regierung und Industrie abzufordern.

Nach diesem Scherbengericht vor allem über den Wirtschaftsminister wechselte der GHK-Vorsitzende plötzlich die Tonlage. Er zeigte sich befriedigt darüber, daß sich die Zusammenarbeit zwischen den Gewerkschaften und der neuen Regierung entscheidend zu bessern beginne; die „Bundesregierung“ – von Schiller war fortan nicht mehr die Rede – habe sich die Zielprojektionen der Gewerkschaften zu eigen gemacht.

Und so sehen die gewerkschaftlichen Zielprojektionen aus, die nach Vater mit denen der Regierung übereinstimmen:

Für 1970 werde ein „realer Kaufkraftzuwachs“ von acht Prozent für die Arbeitnehmer angestrebt. Der Gewinnzuwachs für die Unternehmer dürfe dagegen nur ein Prozent betragen. Dazu müßten die Löhne um 13 Prozent steigen.

Innerhalb dieser Legislaturperiode werde angestrebt:

  • Voller Ausgleich für den Lohnrückstand; die Löhne und Gehälter müßten doppelt so schnell steigen wie die Gewinne.
  • Korrekturen der Einkommensverteilung im Rahmen der Steuerreform, das heißt Abschöpfung der Gewinne, höhere Besteuerung der Großverdiener.
  • Grundlegende Reform der Sparförderung, die bisher nur die Großverdiener begünstigt habe.
  • Vollbeschäftigung bei gleichzeitiger Preisstabilität, Verschärfung der Wettbewerbspolitik sowie Bildungs- und Ausbildungsförderung.

Die Vorreiterrolle Gerhard Vaters und die Aktualität seiner Ausführungen signalisierte eine Bemerkung, die er scheinbar so en passant machte: wenn die Löhne in der Metallindustrie um 15 Prozent angehoben würden, betrügen sie immer noch erst ein Drittel des Ertrages in diesein Industriezweig.

Wenige Tage später, am Donnerstag vergangener Woche, legte der Vorstand der IG Metall in Bad Orb die Richtlinien für die Tarifauseinandersetzungen im kommenden Herbst fest: Angesichts der „anhaltenden günstigen Wirtschafts-’ läge“ und angesichts der „Gewinn- und Preissteigerungen“ hätten die Arbeitnehmer „berechtigte Ansprüche auf das erwirtschaftete Sozialprodukt“. Das läßt auf harte Auseinandersetzungen schließen.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Walther Leisler Kiep, der Vaters Referat in Kelheim gehört hatte, muß dies gespürt haben, als er sich zu der Bemerkung veranlaßt sah: „Wenn man sie so reden hört, läuft es dem einen oder anderen Unternehmer kalt über den Rücken.“

Christian Even