DIE ZEIT

Der Kanzler lebt gefährlicher

Die Regierungskoalition in Bonn ist noch einmal davongekommen. Ein halbes Prozent weniger SPD-Stimmen in Niedersachsen, ein halbes Prozent weniger FDP-Stimmen in Nordrhein-Westfalen – und die CDU hätte in beiden Ländern die Regierung übernehmen können.

Schlägt jetzt Schillers Stunde?

Wieviel Prozent Preissteigerungen kosten wie viele Wählerstimmen? Niemand kann sagen, was entscheidend dafür war, daß die Koalitionsparteien das gesetzte Ziel bei den von ihnen als Plebiszit gewerteten Landtagswahlen nicht erreicht haben: Unbehagen über die von manchen als zu flott und undurchsichtig empfundene Ostpolitik oder Sorge über die steigenden Preise.

Thaddens Ende

Am letzten Wahlsonntag ist das Todesurteil über eine Partei gefällt worden, die für einige Zeit in Bonn und anderwärts Panik ausgelöst hatte: die Nationaldemokratische Partei Deutschlands.

ZEITSPIEGEL

"Wenn Bundeskanzler Brandt sagt, er tut es um des Friedens willen, muß man ihm entgegenhalten, daß noch alle, die Böses im Schilde führten, sich auf friedliche Absichten berufen hatten.

Altkommunist mit rumänischen Facetten

Paris gibt es wenige Hauptstädte, die er nicht in den letzten zehn Jahren besucht – und überrascht hätte. Ion Gheorghe Maurer, der romänische,Ministerpräsident‚ vereinigt in sich wie kaum ein anderer kommunistischer Spitzenfunktionär der älteren Garde Osteuropas scheinbar konträre Eigenschaften: doktrinäre Härte mit weltmännischem Charme, eiserne Zielstrebigkeit mit taktischer Beweglichkeit, Schläue mit Intelligenz.

Enttäuscht, nicht entmutigt

Wer nichts mehr zu verlieren hat, hat auch nichts mehr zu verschweigen. So ist Walter Scheel der erste, der am Abend des 14.

Wahlen ohne Paukenschlag

Der Erfolg, den die CDU am 14. Juni errungen hat – im Saarland die absolute Mehrheit der Mandate, in Niedersachsen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD, in Nordrhein-Westfalen sogar ein hauchdünner Vorsprang vor den Sozialdemokraten –, dieser Erfolg mag sich optisch ebenso eindrucksvoll wie überraschend ausnehmen.

Schach dem König

Hussein, Mohammeds Nachkomme und Monarch der Haschemiten-Dynastie, ist nur noch dem Namen nach ein König. Er war es schon nach dem Zusammenstoß jordanischer Soldaten und palästinensischer Partisanen im vergangenen Februar.

Wilsons Wahl

Ein britisches Okkultistenblatt hat Harold Wilson als eine Reinkarnation des Pharaos Amenhotep III. bezeichnet. Das war als wohlwollender Hinweis gemeint.

Zerplatzte Seifenblase

Vor den Drei-Länder-Wahlen am letzten Sonntag war viel die Rede von Bundestagsneuwahlen. Der Kanzler wollte die Sicherheit seiner Partei demonstrieren, Wehner zudem die FDP am Zügel halten.

Ein Sieg der Tauben

Die Senatoren wollen künftig bei Kriegshandlungen des US-Präsidenten mitreden

Franzosen dienen kürzer

Die französische Nationalversammlung hat mit überraschend großer Mehrheit einer Reform des Militärdienstes zugestimmt. Zweierlei möchte Frankreich erreichen: erstens mehr Wehrgerechtigkeit und zweitens eine konsequente Anpassung an die gaullistische Konzeption der Abschreckungsstrategie.

Berliner Konfusionen

Zwei Berliner SPD-Abgeordnete – Carl-Heinz Evers und Heinrich Albertz – haben wegen des Gesetzes "über die Anwendung unmittelbaren Zwanges", das das Parlament in der letzten Woche verabschiedete, ihr Mandat niedergelegt.

Der Prozeß gegen Didier Tourres: Das sogenannte Ungeheuer

Didier Tourres, Franzose, aus Le Havre stammend, wohnhaft in dem idyllischen Taunusort Oberreifenberg, verheiratet, zwei Kinder, geordnete finanzielle Verhältnisse, nicht vorbestraft, vor der Zwölften Großen Strafkammer des Landgerichts Frankfurt angeklagt wegen "unzüchtiger Handlungen" und Körperverletzung, gehört zu jenen Angeklagten, die der Fairneß halber zunächst nicht in ihrer Rolle als mögliche Täter, sondern als Opfer interessieren: Opfer einer psychischen Bearbeitung durch die Organe der öffentlichen Meinungsbildung, die im physischen Bereich allenfalls mit einer längeren Behandlung mit Dreschflegeln zu vergleichen wäre.

Abends ist die Bluse auf

War dat jut so?", fragte Fritz Figge, Kölner Uraltfrohsinniger und Karnevalspräsident, die Männer vom Fernsehen, vor deren Kamera er soeben mitgeteilt hatte, seine "Altstädter Karnevalsgesellschaft" werde fortan der Dienste des Tanzmariechens Christel nebst Tanzoffizier und Ehemann entraten, denn: "Von Zoten frei die Narretei!" Ihm und anderen Fastnachtsfunktionären waren nämlich mitten im heiligen Köln Bilder der properen Christel vor die Augen gekommen, auf denen das Tanzmädchen seine Oberweite hüllenlos dem Betrachter darbot.

Skandal um die Messe

Hochmut kommt vor dem Fall: Diese Erfahrung müssen die Düsseldorfer Stadtväter um ihr Renommierprojekt machen. Vor noch nicht zwei Jahren beschlossen die rheinischen Ratsherren, den "modernsten Messeplatz Europas" zu bauen.

Die neunte Weltmeisterschaft: Im sechsten Himmel

Fußball, Boxen und Stierkampf gelten als die populärsten Sportarten Mexikos Der Grund liegt auf der Hand: ein Stier, der im Sand der Arena, ein Boxer, der bewußtlos auf dem Ringboden liegt, ein Ball, der im Tornetz zappelt, sind leichter zu begreifen, als die mit viel Regelwerk versehenen verkomplizierten sonstigen Arten wettkampfmäßig betriebener Körperertüchtigung.

Aus Krampf wurde Kampf

Eine Stunde lang spielten die Engländer wie der potentielle Weltmeister. Sie boten Fußball als eine Mischung aus Handwerk und Kunst.

Me-chi-ko ra-ra-ra

Mexiko setzt ganz neue Maßstäbe für Fußballbegeisterung. Wer niemals nach einem mexikanischen Sieg die Rückfahrt vom Aztekenstadion ins Stadtinnere angetreten hat, weiß nicht, was ein Fußball-Happening ist.

CDU gewann bei den Landtagswahlen

Die Bundesregierung hat Anfang der Woche angekündigt, daß sie auch nach den Erfolgen der CDU bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und dem Saarland ihre bisherige Politik fortsetzen werde.

Jordanien: Wieder normal?

Nach tagelangen Schießereien zwischen jordanischen Regierungstruppen und palästinensischen Freischärlern schien sich Anfang der Woche die Lage in Jordanien und in der Hauptstadt Amman wieder zu normalisieren.

Die Kommunisten greifen an

Nordvietnamesen und Vietcongs haben in den letzten Tagen ihre Angriffe an allen Fronten des Kambodsch-Krieges verstärkt. Wie das kambodschanische Hauptquartier am Wochenende bekanntgab, griffen die gegnerischen Verbände mit frischen Kräften die seit Tagen umkämpfte Provinzhauptstadt Kampong Speu, 56 Kilometer südwestlich von Pnom Penh, an.

Dokumente der ZEIT

"...Wenn wir Polen die Frage des uns zugefügten Unrechts stellen, so nicht deshalb, um den Versuch seiner Verrechnung zu unternehmen.

Nato-Konferenz: Angebot an USA

Die westeuropäischen Mitglieder des Nordatlantischen Bündnisses wollen den Vereinigten Staaten das Angebot einer finanziellen Lastenteilung machen, um damit die Möglichkeit einer weiterbestehenden Präsenz amerikanischer Truppen in Westeuropa zu verbessern.

Heinemann-Reise: "Sehr erfolgreich"

Als "sehr erfolgreich" ist in Kopenhagen der dreitägige Staatsbesuch bezeichnet worden, den Bundespräsident Gustav Heinemann in der vergangenen Woche Dänemark abstattete.

Wahlmeisterschaften ’70: Hat-Trick

Ein merkwürdiger Sonntag. Im Saarland gewann Franz Beckenbauer 47,9 Prozent der abgegebenen Stimmen, Helmut Schöns Ostpolitik schien sich durchzusetzen.

Wenn Deutsche feierlich werden

Ich begrüße im besonderen den Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz als den Herrn der Landesregierung; den Oberbürgermeister von Mainz mit Gemahlin und den Stadträten, Ehrenbürgern und Ehrenringträgern der Stadt Mainz; den Vizepräsident des Deutschen Bundestages; den Oberbürgermeister unserer Nachbarstadt Wiesbaden; den Vertreter der Bezirksregierung von Rheinhessen und -Pfalz; in Vertretung von Magnifizenz den Herrn Professor; den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer von Rheinhessen; für die Katholische Kirche Herrn Weihbischof für die Evangelische Kirche den Propst für Rheinhessen; für die Bundeswehr als Vertreter des Befehlshabers im Wehrbereich IV Herrn Oberst i.

Fernsehen: O schöne Harmonie

Nur so können sie Profil gewinnen – Hoffmeisters und Schmiedings "Aspekte". Statt der Readers-Digest-Pröbchen aus dem Raum der Kultur, ein bißchen Pop und auch ein bißchen Politik, Neues von Palitzsch und Neues von Handke, statt der vertrauten Mischung, zusammengesetzt aus minimal art und modernem Ballett, aus aleatorischer Musik und underground-Filmen, so ergiebig im einzelnen, so unverbindlich im ganzen: belletristische Scheiße, wie Marx das genannt hat, statt des Potpourris der Künstchen und Spielchen beschränkte man sich auf ein einziges Thema – und das hatte es in sich.

KRITIK IN KÜRZE

"Die Kultur des klassischen Altertums", von Olof Gigon und Alfons Wotschitzky. Die Kulturgeschichte mausert sich von einem Verlegenheitsfach mit genialen (Burckhardt, Huizinga) und originellen Einzelleistungen (Friedell) zur historischen Universaldisziplin.

Der Zucker dieser Zeit

Zu viel: Für "erotische" Literatur ist es keineswegs obligatorisch, und sie ist keineswegs daran zu erkennen, daß in ihr Sexualvorgänge mit dem spärlichen, alt-ehrwürdigen Ur-Vokabular beim Namen genannt werden.

Wissenschaftliche Phantasie

Der Klang des Titels täuscht. Denn wenn der Stil einer Formulierung den Denkstil seines Verfassers schon verrät, so verheißt die aufgepumpte Dramatik der Alliteration ein Buch exotischer Effekte, kolorierter Eingeborener, protziger Selbstdarstellung in abenteuerlichen Situationen – ein Buch aus der Retorte der Reiseliteratur, Eintopf aus der Küche Heinrich Harrers, des völkerkündelnden Fernsehkochs.

Wiener Nummer 5

Von Friedrich Achleitner hätte man in literarischen Kreisen vermutlich nie etwas zu hören bekommen, wäre er nicht 1955 zufällig mit Gerhard Ruhm – "bei einem Sommerfest in Arnulf Rainers Villa in Vöslau, es war Weinlese", berichtet Rühm – und dann auch mit Konrad Bayer, Oswald Wiener, und H.

Krakauer Kurzfilmfestival: Auch in der Krise

Die Institution Festival scheint nun auch nach dem 7. Internationalen Kurzfilmfestival in Krakau in Frage gestellt, in einem Land wie Polen, wo der Film bei der Erziehung traditionell eine bedeutende Rolle spielt.

FILMTIPS

"Der gewöhnliche Faschismus" (1965), von Michail Romm, ist nach zahlreichen nichtöffentlichen Vorführungen und einer Fernsehausstrahlung jetzt auch regulär im Kino zu sehen – in der synchronisierten und gekürzten Fernsehversion.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Cavalli: 1602 in Cremona geboren, Sohn eines Kirchenmusikers, mit 14 Jahren von einem resignierten Podestà nach Venedig gebracht, dort musikalische Karriere vom Markus-Chorknaben bis zum Maestro di Cappella; 42 Opern (darunter die Festoper zur Hochzeit Ludwigs XIV.

Ein Rezept für die Armen

Die Entwicklungshilfe, dieser Tage in Heidelberg Gegenstand einer internationalen Konferenz, genießt in der Öffentlichkeit nicht viel Ansehen.

Wer nun?

Daß ausgerechnet das Wirtschaftsministerium eine kleine Anfrage der CDU zur Vermögensbildung beantwortet, hat in Bonn überrascht.

Relativ

Die jüngste Ratssitzung der Landwirtschaftsminister brachte das wieder einmal an den Tag: Die Kommission hatte vorgeschlagen, die Preise einiger Agrarerzeugnisse "nach unten zu korrigieren", um die Überproduktion abzubauen.

Kursanstieg

Gigantische Versprechungen sollen sie anlocken: nicht etwa Leute, die Geld anlegen, sondern Leute, die Anlageprogramme verkaufen.

Wolfgang Krüger: Mehr Rechte für die Räte

Auf der Walstatt der Mitbestimmung – Mitbestimmung in den Aufsichtsräten und Vorständen der großen Wirtschaftsunternehmen – sind in dieser Legislaturperiode keine spektakulären Entscheidungen zu erwarten.

+ Weitere Artikel anzeigen