DIE ZEIT

Ein Anfang in Warschau

Es war zwar eine scherzhafte Übertreibung, mit der Polens Planungschef und Vize-Ministerpräsident Majewski den Bundeswirtschaftsminister Schiller am Dienstag in Warschau verabschiedete; doch ein Körnchen Wahrheit steckte in seiner Bemerkung: "Da machen die Beamten beider Seiten so viele Schwierigkeiten, und kaum kommen die Minister zusammen, dann ist in einer Viertelstunde alles geregelt.

Made in Germany

Am 1. Juli wird ein weiteres dünnes Band gekappt, das die beiden deutschen Staaten bisher noch verknüpft hat: Die DDR schafft für ihre Exportartikel den Herstellungsvermerk "Made in Germany" ab und ersetzt ihn durch das Ursprungszeichen "Hergestellt in der Deutschen Demokratischen Republik" oder "Hergestellt in der DDR".

Brandt muß mehr wagen

Die Freien Demokraten haben sich auf ihrem Bonner Parteitag noch einmal vor dem Sturz in den Abgrund retten könnnen. Aber ihr Überlebenskampf enthält ein ständiges Existenzrisiko für den Fortbestand der Regierung Brandt/Scheel.

Demokratie oder Demoskopie?

Immer, wenn die Meinungsforscher total danebengehauen haben, werden sie augenblicklich ganz bescheiden und betonen argumentenreich, daß es ihnen doch nur um das Aufzeigen von Trends gehe und keineswegs am Prognosen, Haben sie es dagegen einmal richtig getroffen, schwillt ihnen der Kamm; dann benutzen sie gern ihre richtige Voraussage als Beweis für die Unentbehrlichkeit der Umfragen.

In Prag begann der letzte Akt

Alexander Dubček, der Bonnerträger des Prager Reform-Frühlings, der am Mittwoch von seinem Botschafter-Posten in Ankara abgelöst wurde, wird seit mehr als zwei Wochen am Sitz des Prager Zentralkomitees von einer Untersuchungskommission verhört.

Köppler kommt – aber später

Sein forscher Slogan – "Köppler kommt!" – fordert nun, da die Wahlparolen nur noch Erinnerung sind, Abwandlungen geradezu heraus: Köppler kommt nicht! Kommt Köppler? Köppler kommt später! All diese Wortspiele, ob ironisch oder hypothetisch, treffen freilich den aktuellen Sachverhalt nicht so klar wie die weniger originelle Feststellung, daß Heinrich Köppler bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen kam, sah und siegte.

Dem geistigen Mord entronnen

Ende voriger Woche ist der sowjetische Wissenschaftler Shores Medwedjew dank der vielen Proteste angesehener Persönlichkeiten aus der Nervenheilanstalt entlassen worden.

ZEITSPIEGEL

Die Briten haben, seit sie den Minirock erfunden haben, in Afrika einen noch schlechteren Ruf. So zeigte sich erst unlängst der Präsident von Malawi, Hastings Banda, nach einem England-Besuch bestürzt über die Mode und die Lebensart der Briten.

Wandel der Atmosphäre

Die Nächte vor und nach dem 21. Juni, dem längsten Tag des Jahres, werden in Leningrad die weißen Nächte genannt. Um Mitternacht ist es noch so hell, daß man die Gesichter der jungen Leute, die auf der Newa bootfahren oder in kleinen Gruppen singend durch die Straßen ziehen, deutlich erkennen kann.

Der lange Weg zum Frieden

Das Gespräch zwischen Ost und West ist mühselig. Es wirkt besonders deprimierend, wo Ostdeutsche und Westdeutsche sich ineinander verkeilen – Angehörige eines Volkes, die eine gemeinsame Sprache trennt.

Der Sieg von Nancy

Die Regierungsmehrheit in Frankreich ist aufgescheucht wie ein Hühnerhof, in den der Fuchs einbrach. Das Unglück passierte in Nancy bei einer parlamentarischen Nachwahl, wo die Regierungsmehrheit am letzten Sonntag im ersten Wahlgang haushoch verlor und am kommenden Sonntag, beim zweiten Wahlgang, mit größter Wahrscheinlichkeit einen Sitz verlieren wird.

Zwischentöne aus Ost-Berlin

Vor dem Zentralkomitee widersprach er einer DDR-Zeitung und meinte, durch die Aufnahme von Gewaltverzichtsverhandlungen zwischen Bonn und Moskau habe sich in der Bonner Politik doch etwas geändert.

Das Wahlwunder des Edward Heath

Wenn das, was in der Zeitung steht, den Leuten nicht gefällt, bestellen sie sie ab. Vier Wochen lang schrieben alle britischen Blätter, Harold Wilson werde die Wahl gewinnen.

Ein Neger für Newark

Newark im amerikanischen Bundesstaat New Jersey ist eine der häßlichsten Städte der Vereinigten Staaten. Mit seinen ausgedehnten Slums, den höchsten Tuberkuloseziffern, der größten Säuglingssterblichkeit und einer der erschreckendsten Verbrechensquoten im Lande ist Newark zu einem Symbol für die Krise der amerikanischen Städte geworden.

An der Macht zerbrochen

Wie die meisten Javaner hatte Sukarno keinen Vornamen, dafür aber mehr Beinamen als jeder andere Staatsmann seiner Epoche: Vater der indonesischen Revolution (und beinahe ihr Hochverräter), schrillster Sprecher der Dritten Welt (und zugleich ihr größter Charmeur), Marxist (als abergläubischer Mystiker), Sultan (mit dem Ehrentitel "Bruder der Armen"), fanatischer Nationalist (mit Playboy-Reputation von Wien bis Beverley Hills).

Diplomaten leben gefährlich

Botschafter von Holleben ist wieder frei. Alle Welt ist erleichtert über den glücklichen Ausgang des brasilianischen Abenteuers.

Das Regime der Idealisten

Dieser Tage trafen sich die Staatschefs der meisten arabischen Staaten abermals zu einer ihrer vielen Gipfelkonferenzen. Tagungsort war Tripolis, die Hauptstadt Libyens; äußerer Anlaß waren die zehntägigen Feiern zum Abzug der letzten amerikanischen Soldaten vom US-Luftstützpunkt Wheelus.

Nixons magere Bilanz

In wenigen Tagen soll das von Präsident Nixon Ende April überraschend eingeleitete "Unternehmen Kambodscha" abgeschlossen sein.

Bonner Kluft vertieft

Kurz vor Beginn der Sommerpause des Parlaments wurde in der vergangenen Woche im Bundestag noch einmal deutlich, wie groß, vor allem in der Deutschland- und Ostpolitik, die Kluft zwischen Regierung und Opposition ist.

Nahost-Gipfel: Ohne Ergebnis

Anläßlich der zehntägigen Feiern in Libyen zum Abzug des letzten amerikanischen Soldaten vom US-Stützpunkt Wheelus trafen sich einige arabische Staatschefs in Tripolis.

Scheel setzte sich durch

Erich Mende hatte noch am Sonntag zum Sturm geblasen. Auf dem 21. ordentlichen Bundesparteitag der Freien Demokraten in der Bonner Beethovenhalle wollten die Rechtsliberalen seinen Nachfolger, den FDP-Bundesvorsitzenden Walter Scheel, als Sündenbock für die Wahlniederlage des 14.

Dokumente der ZEIT

"Innerdeutsche Beziehungen im Sinne Bonns – das wurde schon hinlänglich bewiesen – kann es und wird es zwischen der vom Monopolkapital beherrschten BRD und der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik niemals geben.

Sperrmüll des Lebens

Wer über das Werk von Edward Kienholz referieren will, der kommt um das Erzählen nicht herum; dem wird, angesichts dieser zum Panoptikum erstarrten Moritaten, die kritische Munition von Strukturen und Techniken, Formen und Mitteln unter der Hand zu einem Arsenal von Platzpatronen; der muß berichten, welche banalen, ekelhaften, rührenden, lächerlichen, grauenhaften Requisiten hier in voller Lebensgröße wie arrangiert sind; der muß gefühlt haben, wie sich der Plüschsessel anfühlt in dem Puff namens "Roxy’s"; der muß die abgestandene Bar-Luft der "Beanery" und den Lysolgeruch, der durch die Gitterstäbe der "Ward 19", der geschlossenen Zelle der Nervenklinik dringt, inhaliert haben.

Melancholische Professoren

Wir könnten in jeder Nummer dieser Zeitung den Artikel eines deutschen Professors drucken, der melancholisch Abschied nimmt: Abschied von der Universität Berlin (wie einst Professor Wapnewski), Abschied.

Leichenrede auf eine Fakultät

Im Oktober 1734, noch vor der feierlichen Eröffnung, wurde die erste Vorlesung an der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen gehalten.

Gagaku in Berlin

Herbert von Karajan, Gegner von Taktstrich und rhythmischem Regelmaß, passionierter Verfechter eines ununterbrochen dahinströmenden Melos, berief sich jüngst auf einen fernöstlichen Musikgelehrten.

FILMTIPS

"Film oder Macht", von Vlado Kristl. In Vlado Kristls Kino hat mit "Italienisches Capriccio" etwas Neues begonnen. Die "Sekundenfilme" gehören noch nicht der Vergangenheit an: die Zelluloidgemetzel, die nichts zeigen als die systematische Zerstörung dessen, was als Parabel, Gedanke, Witz einmal an ihrem Anfang gestanden hatte.

Unsere Sprache: Irregeleiteter Pazifismus

Es gibt Leute, die noch niemals gegen Armeen und Wehretats Bedenken geäußert haben, die auch sehr schnell einzusehen bereit sind, daß Polizisten bewaffnet sein müssen: die toben dann gern ihren schmalen Pazifismus in der Sprache aus.

Kunstkalender

"Ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich sah", schrieb Evard Munch, Zeitgenosse von van Gogh und Kontrapunkt zu Cézanne, Zeitgenosse, und mehr als das, von Hamsun, Strindberg, Ibsen (er entwarf unter anderem Bühnenbilder für "Peer Gynt" und die "Gespenster").

ZEITMOSAIK

Kann man da an eine zufällige Koinzidenz glauben? Sieben vorliegende Gratulationen zum 60. Geburtstag von Alexander Trifonowitsch Twardowskij, in der Prawda und in der Literaturnaja Gaseta, zeigen eine auffällige Obereinstimmung im Negativen: In keinem der Texte ist auch nur eine Andeutung davon zu finden, daß Twardowskij jahrelang erfolgreicher Chefredakteur des Nowyj mir war.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Als die EMI, der Welt größter Schallplattenkonzern, 1964 einer Gruppe namens The High Numbers einen höflich ablehnenden Brief schrieb, in dem sie empfahl, doch besser andere Plattenfirmen wegen eventueller Aufnahmen zu konsultieren, beging sie einen fatalen Fehler.

Fernsehen: Das Nibelungen-Lied

Wenn das Spiel der eigenen Mannschaft ein bestimmtes Niveau überschreitet, wenn die Rede von physischem Wunder und Kampf bis zum Umfallen und der schier unglaublichen Steigerung ist, wenn’s zur Verlängerung kommt und der Spielbericht sich in die Beschreibung eines Kampfes zu verwandeln beginnt, wenn die Darstellung taktischer Kalkulationen (das italienische Konzept geht auf) vom Harfengesang abgelöst wird und die Menschen auf dem Rasen Übermenschliches leisten, Heroen, die ihr Letztes hergeben, dann hören die elf kickenden Männer plötzlich auf, elf kickende Männer zu sein, dann gibt es nur noch die Mannschaft.

Babel ist wie Babel

Er schrieb viel und veröffentlichte wenig. Den Bitten der Redakteure und Verleger gab er nicht nach, die Warnungen und Drohungen der Kulturpolitiker konnten ihn, scheint es, nicht beirren.

Kein reines Vergnügen

Da ist ein Mann, der eine Leiche findet und dafür Sorge trägt, daß sie beiseite geschafft wird, weil er glaubt, öffentliches Aufsehen würde die Aufklärung des Mordes behindern.

Gläubiger Aufbruch zur Neuen Welt

Der Anfang schon verhieß nichts Gutes. Atavismus und Missionseiferei, Goldgier, die dem Zwang zum Erfolg entsprang, weiße und rote Barbarei, Bluthunde und Syphilis, ein anarchisches Heroentum und Kraftprotzerei und Verrat, der aus der Feigheit wucherte: genau besehen, war jenes Entdeckungsunternehmen ein Grauen- und Gruselstück auf der Bühne trister Tropen.

KRITIK IN KÜRZE

"Das Bild des Geisteskranken in der Öffentlichkeit" von Martin Jaeckel und Stefan Wieser. Die Schwierigkeiten, die den Bemühungen um die Rehabilitation Geisteskranker beharrlich entgegengesetzt werden, veranlaßten den Direktor der Städtischen Nervenklinik Bremen, zusammen mit dem Soziologen Martin Jaeckel die Vorstellungen einer Großstadtbevölkerung über den Geisteskranken zu erforschen.

Fußball-Weltmeisterschaft: Im Taumel des Sieges

Die drei Wochen sind vorbei. Vorbei auch das akustische Inferno dieses Platzes, die enthusiastische Begeisterung, die so oft in internationale Hysterie ausartet, die entfesselte Wißbegierde um das Wohlergehen der strapazierten Wade oder des Knöchels eines Mannes, dessen nationale Aufgabe es ist, einem Ball mittels Fuß oder Kopf möglichst hart die gewünschte Richtung zu geben.

Fußball des Jahres 2000

Der König ist tot. Es lebe der König! Der neue Fußball-Weltmeister Brasilien besiegte eine italienische Mannschaft, die nur sporadisch andeutete, welche Qualitäten sie ins Endspiel vordringen ließ: die Homogenität von elf Fußballartisten, die sich einer Idee untergeordnet hatten, der Zweck ist alles und heiligt die Mittel, den Erfolg zu realisieren.

Halbierte Kultusministerien: Geteiltes Leid, doppelte Gefahr

Die neue SPD/FDP-Regierung von Nordrhein-Westfalen geht jetzt den schlimmen Weg weiter, den Berlin vorausgegangen ist, auf dem Hamburg folgte: den Weg der politischen Trennung zwischen Schulen und Hochschulen – und zwar dadurch, daß zwei Minister eingesetzt werden, einer für "Erziehung" (das heißt: für alles, was bis zum Abitur stattfindet) und einer für "Wissenschaft und Forschung" (alles nach dem Abitur).

Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung: Zur Kooperation verurteilt

Was für die elf Kultusminister in dieser Woche beginnt, ist ein letztes Jahr der Bewährung. Ob am Ende dieser Frist nach dem Henker gerufen werden muß oder aber ob sich die Hoffnung doch noch erfüllt, daß der Kulturföderalismus eine neue, sachgerechte Qualität erhält – das wird die Arbeit der neuen Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung zeigen, für die Bundeskanzler Brandt und die Ministerpräsidenten der Länder am Donnerstag das Verwaltungsabkommen unterzeichneten.

Steins "Changeling" und die Zürcher Juni-Festwochen: In Form entbändigt

Aufbruchstimmung in Zürich: die meisten Schauspieler, die in Zürichs hauseigenem Beitrag zu den Juni-Festwochen mitwirken, dem "Changeling" von Thomas Middleton und WilliamRowley, haben ihre Koffer halb gepackt; sie sind auf dem Sprung nach Berlin, wo die Schaubühne am Halleschen Ufer auch zum Auffanglager der Theaterleute geworden ist, die sich der Zürcher Bürgersinn schnell vom Halse geschafft hat.

Da fielen Teller und Tassen...

Während Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel seinen Garten für die parlamentarische Abschlußparty zu Beginn der Sommerpause mit Getränkebüfetts und Bratwurstgrill besetzen ließ, probte das SPD-Präsidium in aller Stille ein konjunkturpolitisches Stück, das einen Tag später im Bundestag uraufgeführt würde: Die Vertagung der geplanten und dem Volk mehrfach versprochene Steuersenkung – die Verdoppelung der Arbeitnehmerfreibeträge und den Abbau der Ergänzungsabgabe für Einkommensbezieher.

IOS-Affäre: Teure Freunde

Man kann nicht genug Freunde haben, sagt der Volksmund......................................................................

Die Zeitungen blieben vorn

Mediaplanung nennt man es im Werbungschinesisch, wenn sich die Werbestrategen darüber Gedanken machen, ob sie ihre Botschaft per Film, Funk oder Fernsehen oder in Zeitungsanzeigen oder auf Luftballons verkünden sollen.

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