DIE ZEIT

Unperson Dubček

Die Prager Führung tut alles, um Alexander Dubček zur Unperson zu machen. Letzte Woche wurde er, der einstige Musterschüler der Moskauer Parteischule und spätere reformkommunistische Parteichef des Prager Frühlings, aus der Partei ausgeschlossen.

Aus sechs mach zehn

Wenn die am Dienstag dieser Woche in Luxemburg eröffneten Verhandlungen über die Erweiterung der EWG um Großbritannien und Irland, Norwegen und Dänemark in den nächsten anderthalb Jahren zu einem erfolgreichen Abschluß führen, dann werden dem Gemeinsamen Markt künftig zehn Nationen mit 250 Millionen Europäern angehören.

Die orientalische Zwickmühle

Ein Krieg ohne Ende – so.sagen die einen, und die täglichen Kampfmeldungen von den Fronten im Nahen Osten stützen ihre pessimistische Einschätzung.

Gelbes Licht aus Budapest

Die professionellen Pessimisten haben zu früh geunkt. Das erste Nein der Prawda zu der jüngsten Nato-Initiative für ein ost-westliches Sicherheitsgespräch war nicht das letzte Wort des Kremls.

ZEITSPIEGEL

"Wenn wir eines Tages zu einer europäischen Sicherheitskonferenz kommen, dann soll es nicht nur ein Rechtsanwaltsbüro sein, wo man aufschreibt, was ist, sondern ein Sanatorium, aus dem die Beteiligten heiler und gesünder herauskommen, als sie hineingegangen sind.

Der Sieger von Nancy

Es ist ein Vergnügen, einen Menschen zu sehen, der einen außergewöhnlichen Erfolg errungen und dabei den Boden nicht unter den Füßen verloren hat.

John Bull sprang ins kalte Wasser

Nur Mr. Barber macht mir Sorgen", schrieb George Brown in der Sunday Times zum Auftakt der Luxemburger Ministerkonferenz der EWG über Englands Anschluß an die Sechsergemeinschaft.

Moderner als die Partei

Wer den neuen Programmentwurf der CDU unbefangen liest, fragt sich verwundert, warum diese Partei Grundsatzopposition betreibt, warum sie in der Ostpolitik von der Preisgabe unverzichtbarer Positionen spricht und in der Innenpolitik mit dem Gespenst der Sozialisierung die Bürger erschreckt.

Pannen und Publizität

Die Bonner Regierungskoalition hat die Sommerpause des Parlaments in reichlich ramponiertem Zustand erreicht. Und nun fragen sich die Politiker, wie es passieren konnte, daß diese Regierung, die ihre Arbeit mit so viel Vertrauensvorschuß begonnen hatte, innerhalb weniger Monate so sehr in Bedrängnis geraten ist.

Ein Denkmal für den Diktator

Fast ein Jahrzehnt ist es her, seitdem der Leichnam Josef Stalins auf Anordnung Nikita Chruschtschows aus dem Lenin-Mausoleum entfernt und unter eine flache Steinplatte mit der schlichten Inschrift J.

Pompidou als Hemmschuh?

Willy Brandt und Georges Pompidou können sich bei ihrer Halbjahresbegegnung am kommenden Wochenende in Bonn ganz der Orientierung in großen politischen Fragen widmen.

Als Gefangener in Kambodscha

Leere Reisfelder dehnten sich zu beiden Seiten der Straße aus – das Land lag verlassen da. Wir waren allein mit unserer Angst.

Tongking – revidiert

Der Schlacht der Resolutionen, die im amerikanischen Senat seit dem Einfall in Kambodscha um die Befugnisse des Präsidenten zum Kriegführen ohne Kriegserklärung und um das Recht des Kongresses, ihn daran zu hindern oder doch wenigstens zu zügeln, geschlagen wird, ist unerwartet die Entschließung zum Zwischenfall im Golf von Tongking zum Opfer gefallen.

"M" wie Masche

Der mittellanghaarige Spät-Twen auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe von "M" hatte fröhlich kopfgestanden. Und dann ist diese "Zeitschrift für den Mann" so recht nie auf die Beine gekommen.

Nicht Apo und nicht Mafia

Als Lebach passierte, entsetzte sich das ganze Land. Die blutige Attacke auf das Munitionsdepot des Fallschirmjäger-Bataillons 261 im Saarland war mehr als die Summe von vier toten und einem schwerverletzten Soldaten.

Nach der Wahl in Düsseldorf:: Denkpause im Busch

Kühns kühler Kopf entwirrte in knapp sieben Tagen die ärgsten Kalamitäten in der SPD und in der Koalition. Trotz aller Widerstände durch zu viele Ministerbewerber, landsmannschaftliche Eifersüchteleien und die Meuterei-Ankündigung rechtskonservativer FDP-Veteranen vom Schlage des Wuppertaler Landtagsvizepräsidenten Schneider wurde das Düsseldorfer Kabinett in Windeseile neu zementiert.

Vor der Wahl in Bayern:: Flucht nach vorn

Bayern ohne Bahner" hätte die Parole des Landesparteitages der bayerischen FDP, der am vergangenen Wochenende in Würzburg abgehalten wurde, heißen können.

Schlag gegen die Uni

Seit dem vorigen Donnerstag ist der Heidelberger SDS verboten und aufgelöst. Das SDS-Verbot, seit Jahren immer wieder gefordert, und immer aufgeschoben, erließ nun in einer Zeit verhältnismäßiger Ruhe an den Universitäten ein sozialdemokratischer Innenminister.

CDU-Programm: Bildung bevorzugt

Bildungs- und Wirtschaftspolitik bilden die Schwerpunkte des Entwurfes für ein neues CDU-Parteiprogramm, das in der vergangenen Woche in Bonn vorgelegt wurde.

Warschauer Pakt: Budapester Signal

Mit großem Interesse ist im Westen das von den Außenministern der Warschauer Paktstaaten verabschiedete Memorandum zur europäischen Sicherheitskonferenz (siehe auch Dokumente der ZEIT) aufgenommen worden.

Spanisch-Sahara wird zum Streitobjekt

In Afrika droht sich ein neuer Krisenherd zu entwickeln. Ein Gebiet, das bis vor kurzem außerhalb der allgemeinen Beachtung lag, Spanisch-Sahara, brachte sich in der vergangenen Woche durch blutige Zusammenstöße zwischen Demonstranten und spanischem Militär in Erinnerung.

Auftakt in Luxemburg

Dreizehn Jahre nach der Unterzeichnung der EWG-Verträge in Rom haben am Dienstag im Luxemburger Euro-Zentrum die Beitrittsverhandlungen zwischen den sechs Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaften und vier beitrittswilligen Ländern begonnen.

US-Friedensinitiative im Gespräch

Das Hauptinteresse galt dem neuen Vermittlungsvorschlag Washingtons. Um das Schießen zu beenden und mit dem Reden zu beginnen, hatte US-Außenminister Rogers den Kriegsparteien über diplomatische Kanäle einen Plan zur Feuereinstellung zugeleitet.

Indochina: Ende der Offensive

Einen Tag vor dem vom amerikanischen Präsidenten angekündigten Termin sind die letzten amerikanischen Kampftruppen aus Kambodscha abgezogen worden.

Dokumente der ZEIT

"Mit Genugtuung wird festgestellt, daß sich die Standpunkte der interessierten Staaten zu einer Reihe wichtiger Fragen, die mit der gesamteuropäischen Sicherheitskonferenz zusammenhängen, im Verlaufe bilateraler und multilateraler Konsultationen und eines Meinungsaustausches angenähert haben.

Neue Unruhen in Irland

Wenige Tage nach den blutigen Ausschreitungen in Belfast und Londonderry hält die Unruhe in Nordirland an. Die britische Regierung hat ihre Truppen in den betroffenen Gebieten weiter verstärkt.

Ein Pakt fürs Fernstudium

Angesichts des Kompetenzen-Neids und der Frontenbildung im deutschen Hochschulwesen hatten es viele für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten: Aber pünktlich zum 30.

Noch nicht aller Abende Tag

ERNST BLOCH: Viele Fragen auf einmal. Ein Teil davon ist wohl stimmungsmäßig oder zunächst in Beziehung auf die Zuhörer zu betrachten.

Fernsehen: Heimweh nach Rio

Ein Mann, ein brauner Mann mit einem Helm aus dickem schwarzen Haar, stand unter den Hippies von Chelsea, feuerwehrfarben fuhren die Busse vorbei, kahl waren die Bäume im Hyde Park, die Straßen regennaß, Allerseelenstimmung in London, Melancholie in Turnerscher Art – und dann plötzlich, in jähem Kontrast, die brasilianische Sonne, weiße Strände.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

"Neue geistliche Musik" von Penderecki, Kelterborn, Klebe; Gisbert Schneider (Orgel), Percussions Ensemble Siegfried Fink, Mitglieder des Orchesters des Staatstheaters Kassel, Vokalensemble Kassel, Leitung: Klaus Martin Ziegler; Cantate 658 225,21,– DM.

FILMTIPS

Reprise: "Jesse James" (1939), von Henry King. Der Film, der zusammen mit John Fords "Stagecoach" und King Vidors "North West Passage" die Westernblüte der vierziger und fünfziger Jahre einleitete.

ZEITMOSAIK

Vor anderthalb Jahren mußten der amerikanische Regisseur Dennis Hopper und sein Produzent Peter Fonda ihren Film "Easy Rider" den allgewaltigen Verleihkonzernen noch wie saures Bier anbieten.

Tod in Venedig – en suite

Ob die Biennale schon tot sei oder erst noch ins Jenseits zu befördern, ob sie Wiederbelebungsversuche wert sei und wenn, dann welcher, das war das Thema, welches während der Biennale ’68 von Künstlern, Kritikern, Studenten, Schlachtenbummlern und Besuchern mit Hilfe von Diskussionen, Protesten, Statements, Schlägereien, Flugblättern und Resolutionen so leidenschaftlich propagiert wurde, daß man Grund hatte zu der Annahme, es sei wirklich eines.

Kunstkalender

Der Japaner Tetsumi Kudo gehört zu den Altmeistern des Happenings, schon 1957 hat er in Tokio sein erstes Happening "Anti-Arts" veranstaltet.

Revolutionäre Geste als Kunst

Man muß sich einmal vorstellen, wie oft einem Menschen, der heute siebzig Jahre alt ist, die Diskussion "litterature pure – litterature engagée" an den Ohren vorbeigerauscht ist oder wie oft die Literatur totgesagt und zur unmittelbaren politischen Aktion aufgerufen wurde.

ZU EMPFEHLEN

Die Kindheit und Jugend einer Negerin aus dem schlimmsten Distrikt der amerikanischen Südstaaten: Hunger, Elend und der blinde irrationale Haß, die subtilen alltäglichen Schikanen und der offene Rassenmord, aber auch die dumpfe Resignation der Verfolgten und der spektakuläre Aktionismus rebellierender Gruppen.

KRITIK IN KÜRZE

"Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin" von Alexandra Kollontai. Die Stadt, in der Alexandra Kollontai, die jüngste Tochter einer alteingesessenen russischen Großgrundbesitzerfamilie, 1888 als Sechzehnjährige ihr Abitur ablegte, hieß damals noch St.

Stefan Andres

In einem Zeitalter der rüstigen Greise noch relativ jung, hat Andres dennoch sein literarisches Werk um Jahre überlebt. Der Müllerssohn aus dem Moselland war ein prächtiger Mann, ein treuer Freund, ein Kenner des Lebensleides, ein Genießer der Lebensfreuden, ein Trinker von Format (sein beinahe bestes Buch, über "Die großen Weine Deutschlands", wird in den meisten Nachrufen keusch verschwiegen).

Unser Seller-Teller Juni 1970

DDR: Strittmatter, "Ein Dienstag im September"; Tagore, "Sandkörnchen im Auge"; "Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR"; Bruns/Brosin, "Das Meer"; "Lehrbuch der Automatisierungstechnik" (laut Literaturbeilage des Neuen Deutschland 6/70).

Standort im Ereignislosen

H. G. Adler, vor sechzig Jahren, am 2. Juli 1910 in Prag geboren, studierte an der Prager Deutschen Universität Musik, Literatur, Philosophie und Psychologie.

Freund-Feind der Modernität

können als Selbstzeugnis neben die Fremdzeugnisse des Bandes "Baudelaire im Urteil seiner Zeitgenossen" (Insel Verlag) gestellt werden, der seinerseits ein wesentlicher Beitrag zur Biographie wie zur Legende des diabolischen Dandy ist.

In der Zerreißprobe

Kurt Sontheimer hat in der ZEIT vom 27. Februar 1970 dargelegt, wie sehr die deutsche Politikwissenschaft, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg an den Hochschulen neu etabliert hat, heute um ihre Anerkennung in der Gesellschaft wieder ringen muß.

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