Von Hans-Joachim Noack

Saarbrücken

Als Lebach passierte, entsetzte sich das ganze Land. Die blutige Attacke auf das Munitionsdepot des Fallschirmjäger-Bataillons 261 im Saarland war mehr als die Summe von vier toten und einem schwerverletzten Soldaten. Sie war ein unerhörter Angriff auf die Sicherheit eines Staates gerade dort, wo er als Schutzmacht mithin seine wichtigsten Funktionen ausübt. Lebach verursachte Panik – verständlicherweise. Als das Massaker am Morgen des 20. Januar vergangenen Jahres entdeckt wurde, beschäftigt sich das Kabinett mit dem Fall, begab sich der Verteidigungsminister an den Ort des Verbrechens, lief eine bis dahin nie erlebte Fahndungsmaschinerie an.

Im Zuge der Ermittlungen schlichen sich dann jedoch Begleiterscheinungen ein, die bedenklich stimmen mußten. Das ungelöste Rätsel beflügelte die Phantasie von Leuten, die immer eine Schublade voller Verdächtigungen von scheinbarer Schlüssigkeit in der Nähe haben. Und da zu dieser Zeit das Schreckgespenst vor. der anarchistischen Apo noch umging, war das Ungeheuerliche schnell an die Wand gemalt. Es gab auch andere, jene, die es mehr mit James Bond hielten und Geheimdienste des feindlichen Auslands am Werk sahen. Das Stichwort Mafia machte die Runde – die Mafia muß immer herhalten, sie ist eine Art Joker, wenn bei bösen Spielen die Karten nicht aufgehen.

Seit Montag dieser Woche haben sich im Großen Konferenzraum der Saarbrücker Kongreßhalle, Fassungsvermögen 800 Plätze, bei einem Publikumsandrang, wie er in der Geschichte der bundesdeutschen Strafjustiz noch nie registriert wurde, drei Männer zu verantworten, die alle Vorstellungen von den Täter-Typen Lebacher Machart widerlegen. Als der 27jährige Bankkaufmann Hans-Jürgen Fuchs laut Anklage gemeinsam mit dem gleichaltrigen Justizsekretär Wolfgang Ditz das Blutbad beendet hatte, beeilte er sich, nach Hause zu kommen und den Wagen vor der Tür zu postieren, um seinen gestrengen Vater nicht zu verärgern ...

Zehn Verhandlungstage hat das Schwurgericht vorläufig angesetzt, um herauszufinden, wer Fuchs und Ditz und der 25 Jahre alte Zahntechniker Gernot Wenzel, angeklagt der Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord, wirklich sind. Wie es kommen konnte, daß die Söhne gestandener, gutbürgerlicher Familien aus der pfälzischen Gartenstadt Landau zu Killern von einer Gefühlskälte wurden, die ihresgleichen sucht. Was das Trio derart zusammenschweißte, daß es auch nach dem Massaker nie zu ernsthaften Meinungsverschiedenheiten unter den Beteiligten kam.

Was bisher in der gerichtlichen Voruntersuchung und am Verhandlungsbeginn bekannt geworden ist, erscheint so spärlich, daß es sich nur schwer als umfassende Erhellung der wahren Zusammenhänge akzeptieren läßt. Fuchs, Ditz und Wenzel verfolgten absurde Pläne. Sie träumten von einem Leben außerhalb der Gesellschaft, irgendwo auf einer Hazienda in Südamerika oder auf einer Segeljacht, pendelnd zwischen den Kontinenten und immer weit weg von dem engen Bürgerfachwerk Landauer Zuschnitts. Aber das ist so außergewöhnlich sicherlich nicht.