In Afrika droht sich ein neuer Krisenherd zu entwickeln. Ein Gebiet, das bis vor kurzem außerhalb der allgemeinen Beachtung lag, Spanisch-Sahara, brachte sich in der vergangenen Woche durch blutige Zusammenstöße zwischen Demonstranten und spanischem Militär in Erinnerung. Daß es hierbei nicht um Bagatellstreitigkeiten geht, zeigt die jüngste Reaktion Madrids: Die spanische Regierung ließ einen starken Flottenverband, der gerade Manöver bei den Kanarischen Inseln durchführte, Kurs auf ihre westafrikanische Besitzung nehmen. Offiziell als Höflichkeitsbesuch deklariert, dürfte die Flottenbewegung jedoch von allen Beteiligten als Demonstration spanischer Präsenz verstanden werden.

Das etwa 160 000 qkm große Wüstengebiet an der westafrikanischen Küste mit seinen rund 33 000 einheimischen Bewohnern, zum großen Teil Nomaden, wurde erstmals 1963 aus seinem Dornröschenschlaf gerissen. Damals entdeckten amerikanische Ölsucher dort das größte Phosphatvorkommen der Welt. Bald nach dieser Entdeckung regte sich auch das Interesse der Nachbarn Marokko, Algerien und Mauretanien. Vor allem Marokko sah alte Träume einer westafrikanischen Großmachtstellung wieder in greifbare Nähe rücken. Nachdem es schon dem unabhängig gewordenen Mauretanien die Anerkennung versagt hatte, um seinen Anspruch auf das mauretanische Staatsgebiet zu unterstreichen, verschärften sich nun auch die Spannungen im algerisch-marokkanischen Grenzgebiet, in deren Verlauf es zu mehreren bewaffneten Zwischenfällen kam. Als zusätzliche Streitobjekte erwiesen sich die auf der algerischen Seite der umstrittenen Grenze gelegenen ergiebigen Eisenerzvorkommen von Tinduf.

Angesichts der Spannungen zwischen den drei Maghreb-Staaten konnte Spanien seiner Saharabesitzung weiter relativ sicher sein. Um so mehr wurde es in den letzten Monaten durch die politische Entwicklung im Maghreb alarmiert. König Hassan von Marokko hat inzwischen nicht nur auf alle Gebietsansprüche an Mauretanien und Algerien verzichtet und den mauretanischen Nachbarn endlich diplomatisch anerkannt. Er ergriff auch die Initiative für eine engere politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit des Maghreb. So wollen Algerien und Marokko die Erzlager von Tinduf künftig gemeinsam ausbeuten. Und im September soll eine gemeinsame Konferenz der drei Staaten auf eine baldige UN-kontrollierte Volksabstimmung in Spanisch-Sahara über das künftige Los dieses Gebietes drängen. Zweck dieses Drängens: Die Maghreb-Staaten hoffen auf eine Entscheidung der Bevölkerung gegen Spanien, die ihnen selbst einen größeren Einfluß auf das umstrittene Territorium sichern könnte.

Die guten Beziehungen zwischen Marokko und Spanien wie auch das allgemein ungetrübte Verhältnis Madrids zu den arabischen Staaten, berechtigten bislang noch zur Hoffnung, daß sich die spanische Regierung mit ihrem Kolonialgebiet an der begonnenen multinationalen Erschließung der westlichen Sahara beteiligen werde. Die Ereignisse der letzten Tage freilich geben hier eher zur Skepsis als zur Hoffnung Anlaß.