Saarbrücken

Bis Freitagmorgen vergangener Woche hatte man eine fast fertige Geschichte. Als ziemlich gesichert galt, daß Wolfgang Ditz in der Nacht zum 20. Januar 1969 im Munitionsdepot des 261. Fallschirmjäger-Bataillons Lebach vier schlafende Bundeswehrsoldaten erschoß, daß Hans- Jürgen Fuchs wie ein Besessener den wachhabenden Reinhard Schulz mit dreizehn Messerstichen zu töten versuchte; daß Gernot Wenzel an den Plänen zum Überfall beteiligt war und nach der Tat unbeeindruckt die Komplicenschaft aufrechterhielt.

Man wußte zwar nicht genau, weshalb dies alles geschah – haben sich doch „Dämonen“ noch nie umfassend und für jedermann plausibel zu ihren Untaten erklärt. Und ein Fingerzeig, der in die Bereiche vordergründigen Verstehens hineinragte, war immerhin gegeben: Das Trio der mutmaßlichen Killer lebte auch ansonsten nach einem Gesetz zusammen, das in der diesseitigen Welt von jeher Abscheu und Ekel erregte. Ditz, und Wenzel hatten ihre homosexuellen Neigungen und Abhängigkeiten zugestanden. Sie hatten einen Blick in Abgründe gestattet und angedeutet, was verirrte Menschen alles vermögen.

Die Menschen, die die Geschichte hörten – das runde Tausend Schaulustiger, das im Großen Saal der Saarbrücker Kongreßhalle die Hälse reckte wie gierige Fans im überfüllten Fußballstadion –, hatten das Urteil im Namen des Volkes schon in der Tasche. Das Volk jammerte über die unzureichende Strafgewalt, die sich hierzulande in lebenslangem Freiheitsentzug erschöpft. Das Volk wollte mehr, zumindest aber, da mehr nicht zu haben ist, das Äußerste sichergestellt wissen. Das Äußerste für Ditz und Fuchs, „Geharnischtes“ für Wenzel,

Manchmal lachte das Publikum. Gernot Wenzel berichtete stotternd von einer Kellerszene, von Schlägen, die Fuchs ihm auf das nackte Gesäß gegeben habe, von dem kräftigen Kumpanen Ditz, den der schmächtige Fuchs ebenfalls züchtigte und der hernach immer weinte. Das Publikum wieherte und wußte Bescheid, das Gericht auch. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Herbert Tholl, ließ es bei dem Hinweis bewenden, der Wenzel habe den Fuchs wohl „von innen und außen gekannt“. Was also sollte darüber hinaus noch zu sagen sein?

Der „Prozeß des Jahres“ war allzu sehr fertig am Freitagmorgen, als das Gericht den Banckaufmann und vermeintlichen Bandenboß, Hans-Jürgen Fuchs, zur Vernehmung aufrief. Der Tathergang im Fall Lebach schien so unumstößlich festgestellt, daß die Worte von Fuchs „Ich war nicht dabei“ wie ein unerhörter Verstoß gegen die Regeln wirkten, nach denen dieses Verfahren abläuft. Obschon der Angeklagte nichts anderes tat, als bei seinem Widerruf zu bleiben, der etliche Monate alt und hinreichend bekannt ist, lief helle Empörung durch die Reihen der Zuhörer, vermeldete „Bild“ am nächsten Tag die „Sensation im Lebach-Prozeß“.

Das Publikum blieb beharrlich bei seinen Anhaltspunkten, die es zum größten Teil zwar nicht verstand. Eine gängige Formel war bestätigt worden: Die Sucht der Jugend nach der totalen Individualität, die in Südamerika eine Hazienda beziehen oder auf das Meer hinaussegeln will, um der Ordnung im eigenen Lebensbereich zu entkommen, hatte exemplarisch gezeigt, wohin das alles führen kann. Das Publikum hatte zu begreifen begonnen, daß Chaos unvermeidlich ist, wenn zu diesem Drang auch noch die sexuelle Ausschweifung tritt.