Ein Aufstand in einem Heim für Liliputaner: Der "große" Direktor ist fort, die Zwerge erheben sich gegen sein autoritäres Regime. Einer von ihnen, Stellvertreter des Direktors, will mit der Berufung auf bewährte Ordnung, Ruhe und Sauberkeit und mit der Drohung, die Polizei zu alarmieren, retten, was zu retten ist. "So nehmt doch Vernunft an", krächzt er immer wieder bekümmert von seinem sicheren Dachgarten herab.

Aber die Rebellen wollen nicht. Sie verbrennen die schöne Palme des Direktors und zwingen die beiden Kleinsten, auf seinem Riesenbett "verheiratet" zu spielen. (Auch in Geissendörfers "Jonathan" war der Zwang zur öffentlichen Kopulation ein Indiz für das Bedürfnis der perversen Abreaktion desolater gesellschaftlicher Zustände.) Es klappt aber nicht, weil das Männchen nicht auf das Bett kommt. Nun beginnt die Horde, zwei blinde Kameraden zu ärgern und zu quälen; sie töten eine Muttersau, demolieren nach und nach das gesamte Inventar der Anstalt, arrangieren ein Gelage, das zur Schlacht mit dem Porzellan und den Speisen wird.

Ihr Gejohle wird immer wüster, ihre Spiele immer wilder und zügelloser, die Eskalation der Lust an der Anarchie ist nicht mehr aufzuhalten. Sie stürzen ein Auto, das sie vorher endlos im Hof haben kreisen lassen, in eine trockene Zisterne, legen Feuer, bombardieren den Stellvertreter, der sich in seinem Zimmer verbarrikadiert hat, mit Steinen und lebenden Hühnern; hinter dem an ein Kreuz gefesselten Äffchen der zwei Blinden formieren sie sich zu einer lärmenden Prozession. Am Ende rast der Stellvertreter, offenbar irrsinnig geworden, durch das Gelände und schreit auf einen Baumstumpf ein, während der kleinste Zwerg ein minutenlanges, meckerndes Höllengelächter anstimmt vor einem gefesselten Kamel, das sich vergeblich aufzurichten versucht ...

Werner Herzogs Film, der so wenig wie die Torhergehenden "Lebenszeichen" in die Klischees des durchschnittlichen Kinoangebotes paßt, hat natürlich noch keinen Verleih, aber schon ein bewegtes Schicksal. Von der Filmselbstkontrolle zuerst gesperrt und dann doch freigegeben, von der Filmbewertungsstelle gleich als "besonders vertvoll" prädikatisiert, wurde er nur in Ne--benprogrammen der Festspiele von Cannes und Berlin sowie in Hof gezeigt und hat sofort eine sehr zwiespältige Aufnahme gefunden und sich zwischen alle Fronten plaziert.

Die junge Linke verurteilt die scheinbar reaktionäre, faschistoide Tendenz eines Films, der darauf hinauslaufe, daß jede Revolution im lotalen Chaos endet. Die Sensiblen und Ästheten mögen Filme nicht, deren Sinn ständig hinter dem liegt, was man sieht; die Bilder sollen nicht bedeuten, sondern einfach sein – schön sein, natürlich. Die rasche Zustimmung der konservativen Kritik schließlich, Herzog zeige "in durchweg treffenden Bildern, was geschieht, wenn plötzlich eine Ordnung verschwindet", machte die Parabel von den Zwergen vollends suspekt.

Zugegeben, der Film ist nicht immer leicht zu entschlüsseln, doch trifft das auf Werke von Buñuel, Godard, Bergman oder Antonioni nicht ebenso zu? Zudem steht Herzogs Film durchaus für sich, eine in sich geschlossene, teils unheimliche und skurrile, teils faszinierende Vision einer Orgie planloser Destruktion. Eine besondere Suggestion geht von den Darstellern aus, ausschließlich deutschen Liliputanern mit erschreckenden kindlich-greisenhaften Gesichtern. Ihre staksigen, ungelenken Bewegungen und die mühsame, gehemmte Sprechweise, ihr um so grotesker wirkendes exzentrisches Spiel, der manchmal sehr gestelzte und dann wieder sehr rüde Jargon, in dem sie jede ihrer Aktionen kommentieren, ihr permanentes, quäkendes, verzerrtes Gelächter – all das ergibt ein äußerst beunruhigendes und verwirrendes Bild dessen, was Zwerge immer waren in der abendländischen Kultur: Karikatur des Menschen, negative Projektion "normaler" Antriebe und Zustände durch die Unnormalen, physisch Abnormen.

Dem paßt sich das Dekor an: Die Zwerge agieren in kahlen schmucklosen Räumen, auf dem tristen Gelände ihrer Anstalt, in der vegetationslosen, öden Landschaft einer der Kanarischen Inseln; einmal kriechen sie wie Würmer durch das aufgequollene vulkanische Gestein.