Von Josef Müller-Marein

In Berlin starb Heinz Hentschke, einst berühmt als letzter König, nein, als erster Manager der deutschen Operette. Er wurde 75 Jahre alt. Josef Müller-Marein war einer der vielen Freunde dieses Theatermannes.

Wahr ist, daß in den nachmals so genannten „goldenen zwanziger Jahren“ in Berlin das Theater und folglich auch die Operette nur so blühten. Wer aber den Erzählungen Heinz Hentschkes lauschte, der erfuhr, daß dieser künstlerischen Blüte die finanzielle Ernte keineswegs immer entsprach. Die Konkurrenz war groß. Man steckte schweres Geld in die Ausstattung und in die Stars. Beides war teuer. Aber in jener Zeit, als dann draußen in den Parkanlagen die Arbeitslosen auf den Bänken „Skat kloppten“, mußten die Ausstattungen sehr aufwendig und die Stars sehr berühmt sein, ehe die von der Wirtschaftskrise geängstigten Bürger Geld für das Vergnügungstheater ausgaben.

In dieser Zeit betrat Heinz Hentschke allabendlich in der großen Pause die Garderobe des Stars Richard Tauber, um ihm „auf die Hand“ die Tagesgage in Höhe von tausend Mark auszuzählen. Kam es ein ums andere Mal vor, daß nicht genug Geld in der Kasse war, mußte der kleine, lebhafte Hentschke den großen Tauber überreden, dennoch weiterzusingen. Beide: sprachen freundlich voneinander, später, als „alles aus war“.

So erzählte Hentschke von Tauber, der stets die gichtkranke Hand vor die Brust gepreßt hielt: nicht nur sein schmelzender Gesang, sondern auch sein Spiel sei so intensiv gewesen, daß Tenöre, die mit dem Star alternierten oder anderswo die Partien sangen, die er kreiert hatte, die Rechte auf die Brust preßten, als seien sie gichtkrank. Übrigens trug Tauber nicht nur auf Photos, sondern auch sonst ein Monokel; und auf dem Kühler seines weißen Mercedes waren silbern seine Initialen angebracht: „RT“.

Derselbe Tauber, der, als „alles aus war“, mit unvergleichlicher Selbstdisziplin in Covent Garden in London die großen Partien in Mozart-Opern sang, und dies nicht entfernt für die Gage, die er in seiner Berliner Operettenzeit erhalten hatte, sagte von Hentschke, er sei der „dritte Bruder Rotter“, der das Glück gehabt hatte, „arisch“ zu sein, zum Unterschied von den anderen, den „echten“ Rotters, die aus Berlin hatten fliehen müssen, nachdem sie anerkannte „Könige im Reiche der heiteren Muse“ gewesen waren. Tauber in London empfahl indessen einer jungen Sängerin, die in Berlin auftreten wollte, sie solle sich an Hentschke wenden: „Der ist anständig!“

Seltsam, daß er sich nicht rühmen konnte, musikalisch sonderlich beschlagen zu sein. Auch die Rotters waren nicht musikalisch, obwohl sie doch die prominenten, weit über Berlin und Deutschland hinaus bewunderten Operetten- und Revuebühnen leiteten und es verstanden, erstklassische Kapellmeister und Musiker zu engagieren. Hentschke erzählte von einem der Rotters, wie der einmal eine Orchesterprobe unterbrochen habe: