Schwyzerische kritische Literaten

Von Klaus H. Thiele-Dohrmann

Zürich ist das wirtschaftliche und manchmal auch das kulturelle Zentrum der Schweiz. Genf ist Sammelpunkt internationaler Organisationen. In Luzern wird anspruchsvoll musiziert und diniert. Basel ist bekannt durch gutes Theater und fastnachtsheitere Lebensweise. Aber Bern? Bern ist die schweizerische Bundeshauptstadt.

„Nach Bern wollen Sie?“ fragte mein kontaktfreudiger Nachbar im Eisenbahnabteil. „Aber Sie kommen doch heute abend wieder nach Zürich zurück?“ – „Nein“, sagte ich, „eigentlich wollte ich ein paar Wochen dort bleiben.“ – „Ein paar Wochen?“ staunte er. „Na, hoffentlich haben Sie genügend spannende Bücher in ihrem Koffer.“

Der Mann mochte Bern anscheinend nicht besonders. Aber das war erklärlich, denn er kam aus der Gegend um Zürich. Und zwischen Zürich und Bern besteht eine Rivalität, die so stark ist, daß man sie wohl nur noch mit derjenigen zwischen Zürich und Basel vergleichen kann.

Dabei sind die Berner weder so dickschädelig noch so langsam, wie die Aktivsten unter den Touristen gelegentlich behaupten. Vielleicht lebt man hier ein wenig beschaulicher als anderswo. Aber der sprichwörtlichen Berner Behäbigkeit – die man freundlicher auch als Gelassenheit bezeichnenkönnte und die sich im übrigen kaum von der Schwerblütigkeit in deutschen Städten unterscheiden dürfte – stehen höchst lebendige und tatkräftige Gruppen gegenüber, die das Bild der Stadt und des Kantons Bern entscheidend mitbestimmen.