Besonders deutlich wurden solche Fronten beispielsweise, als im Oktober des vergangenen Jahres Friedrich Dürrenmatt im Berner Stadttheater den erstmals verliehenen „Großen Literaturpreis des Kantons Bern“ in Empfang nehmen sollte: Der Dramatiker benutzte die Gelegenheit, nach kritischen Bemerkungen über das politische und kulturelle Klima des Landes, vor einem gleichermaßen frack- wie hippiedurchsetzten Auditorium seinen 15 OOO-Franken-Preis an drei notorisch linke Elemente weiterzureichen: den Journalisten Paul Ignaz Vogel, den als unbequemen Pazifisten bekannten Parlamentarier Arthur Villard und den Schriftsteller Sergius Golowin. Das Entsetzen bei Berner Wirtschafts- und Kulturhonoratioren war beträchtlich. Aus Protest verzicheteten sie auf die Teilnahme am anschließenden Festbankett in der feudalen „Grande Société“ des Restaurants „Du Théâtre“ – da nahm Dürrenmatt fröhlich Hippies und kettenklirrende Rocker mit zum Essen, und den Kellnern blieb nichts anderes übrig, als in der hocheleganten Umgebung mit säuerlichen Minen das bunte Völkchen zu bedienen.

Das durch diese Preisverleihung ein wenig verfremdete Berner Stadttheater versteht sich ansonsten als Kompromißtheater, das auch Opern, Operetten und Musicals aufführt und sich in seiner Programmauswahl, wie Direktor Walter Oberer formuliert, „nach der Mentalität dieser Stadt“ richtet. Um dennoch gelegentlich auch modernes Theater machen zu können, hat Oberer in letzter Zeit die Zusammenarbeit mit den höheren Schulen intensiviert, um durch Vorträge, Diskussionen und Studioaufführungen ein jüngeres, kritisches Publikum zu gewinnen und die Gymnasiasten in Wettbewerben auch zu eigenen Produktionen anzuregen.

Weniger Vertrauen in die Kritikfähigkeit von Schülern hat man anscheinend bei den Behörden, Ein kleines rotes Buch macht momentan in Bern Furore, und zwar in einem Maße, das der inhaltlichen und formalen Substanz des Büchlein; kaum entspricht. Es handelt sich dabei nicht um die Worte eines Parteivorsitzenden, auch nicht um das fragwürdige rote Zivilverteidigungsbuch, sondern um das „Kleine rote Schülerbuch“, das – aus Dänemark kommend und in der Bundesrepublik bereits mit einigem Erfolg unter die Leute gebracht – vom stadtbernischen Schuldirektor Sutermeister in einem kleinen Privatkrieg heftig attackiert wird. Immerhin hat der besorgte Schulmeister inzwischen erreicht, daß die Bundesanwaltschaft und die Kantonale Schuldirektion sich jetzt ebenfalls mit der autoritätsfeindlichen kleinen Schrift auseinandersetzen. Einstweilen wird die Fibel jedenfalls vorsichtshalber bei der Einfuhr in die Schweiz beschlagnahmt; „staatsgefährdend“ ist sie wohl kaum, aber vielleicht „unzüchtig“? Bezeichnend ist, daß auch an diesem Fall von Verunsicherung ein Berner Literat, zumindest indirekt, beteiligt war: Die vierzehnjährige Gymnasiastin, die das explosive Büchlein in Umlauf brachte, ist die Tochter des Schriftstellers (und ehemaligen Lehrers) Hans Mühlethaler, der in seinen eigenwilligen Kurzgeschichten („Außer Amseln gibt es noch andere Vögel“ heißt sein jüngster Erzählungsband) behutsam gegen die kleinen Verrücktheiten seiner Mitwelt rebelliert.

Im Universitätsbereich sind es, wie in Hochschulen anderer europäischer Städte, auch in Bern vor allem die Soziologiestudenten, die Veränderungen sowohl der Hochschulstruktur als auch der Gesellschaft im allgemeinen anstreben. In Bern beschweren sie sich konkret über die unzureichende Kompetenz ihres jetzigen Institutsdirektors und seines ersten Assistenten, die die Studenten „nur mit soziologischen Meßtechniken und Statistiken“ versorgen und einem „platten Positivismus“ anhängen. Im Frühjahr verschärfte sich der Konflikt derart, daß der Institutsdirektor sich krank meldete und sein Assistent in die USA verreiste. Als vorübergehend ein Kirchenrechtler mit der kommissarischen Leitung des soziologischen Instituts beauftragt wurde, besetzten protestierende Studenten im Juni die Räumlichkeiten, um auf diese Weise ihren Forderungen nach materiellen und personellen Verbesserungen innerhalb des Instituts Nachdruck zu verleihen. Die Krise sei, so stellten die Studenten fest, ein Resultat des behördlichen Versuches, das soziologische Studium als unbequeme Wissenschaft zu liquidieren. Für das Wintersemester ist ein Vorlesungsstreik angekündigt, falls die Fakultät bis dahin keine positiven Entscheidungen getroffen hat.

Einen Preis von 4000 Franken verlieh der Berner Regierungsrat im Mai dem ehemaligen Leiter der Berner Kunsthalle, Harald Szeemann, „für seine Verdienste um das kulturelle Leben im Kanton Bern und seinen Einfluß auf das literarische Schaffen im besonderen“. Szeemann, der „Partizipation statt Besitzbestätigung“ sucht und seinen Kunsthallenposten freiwillig aufgab, um künftig als Ideeninszenierer und reisender Ausstellungsveranstalter tätig zu sein, hatte mit den von ihm organisierten „Environments“ und „Wenn Attitüden Form werden“ sowie einer Reihe von anderen Ausstellungen der Berner Kunsthalle einen bedeutenden Ruf eingetragen. Seine Ein-Mann-Agentur (in einer Bodenkammer in der Berner Altstadt) hat nun den Auftrag bekommen, die documenta V im Jahre 1972 zu gestalten.

Außer Golowin und Mühlethaler sind in den letzten Jahren etliche Berner Schriftsteller unübersehbar in das deutsch-schweizerische Blickfeld gerückt: Kurt Martí, „Berns literarischster Pfarrer“, dessen jüngstes Buch, „Leichenreden“, auch in Deutschland ein aufmerksames Lesepublikum gefunden hat; Beat Brechbühl, dessen neuester Lyrikband, „Auf der Suche nach den Enden des Regenbogens“, soeben erschienen ist – sein erster Roman, „Kneuss“, der im Herbst herauskommen soll, wird von Eingeweihten schon jetzt mit höchstem Lob bedacht; Ernst Eggimann, Romanautor („Vor dem jüngsten Jahr“) und Verfasser von skurrilen Dialektgedichten („Henusode“); Walter Vogt; Gerhard Meier; Guido Bachmann. Sie alle – und eine Reihe weiterer Namen könnte man hinzufügen – prägen bernisches Kulturleben und damit das Bild der Schweiz.

Bern ist beschaulich, zweifellos, und wer hier wohnt – im mittelalterlichen Stadtkern mit seinen blumenverzierten Laubenhäusern, dem berühmten spätgotischen Münster, den plätschernden Brunnen, dem prächtigen Blick auf die Alpen und mit den Cafés, in denen man ganze Nachmittage auf der Zunge zergehen läßt –, der weiß, warum. Die „Engnis der Enge“, von Paul Nizon in seinen kürzlich erschienenen „Aufsätzen zur Schweizer Kunst“ kritisch betrachtet, mag oft bedrückend wirken; aber einen Vorteil hat sie: Sie treibt die wachen Berner Geister zur Produktivität. Langweilig? Langweilig ist es hier bestimmt nicht. Für anregende Ruhestörung ist auch in Bern gesorgt.