Von Karl Adam

Auf der schönsten Regattastrecke der Welt, dem Rotsee bei Luzern, fanden 1962 die ersten Weltmeisterschaften der Ruderer statt. Damals gewannen Boote der Bundesrepublik fünf von sieben möglichen Goldmedaillen. Es gab noch eine gemeinsame deutsche Mannschaft. Nur der ostdeutsche Skuller Achim Hill hat damals die ost-westdeutsche Ausscheidung überstanden.

Am 6. September 1970 werden Endläufe der dritten. Weltmeisterschaft der Ruderer in St. Catherines (Kanada) stattfinden. Bei der Generalprobe auf dem Rotsee gewannen die Boote der DDR in fünf von sieben Bootsgattungen. Überall lagen sie vor der BRD-Vertretung. Zwar waren die beiden westdeutschen Henley-Sieger Jochen Meißner (Einer) und der Konstanzer Vierer mit Steuermann nicht dabei, aber im Gesamtbild ändert das wenig.

Die westlichen Erfolge der Jahre 1959 .. bis 1962 waren im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß neue, bessere Trainingsmethoden sich hier besonders schnell verbreitet hatten. Die DDR-Erfolge scheinen im Rudern wie in anderen Sportarten Frucht einer sorgfältigen, langfristigen Planung und einer genau zielgerichteten Organisation zu sein. Die Rezepte sind einfach und einleuchtend: Talentförderung auf breiter Basis, frühzeitige Auslese und Hinleitung der Besten zu wenigen großen Klubs, die gute Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Das System wird getragen durch zahlreiche gut ausgebildete Berufstrainer. Der großartige DDR-Achter wurde vor etwa vier Jahren aus den besten Junioren zusammengestellt, Durchschnittsalter heute zwanzig Jahre. Er hat jetzt den vierten Trainer.

Im Achter konnte die westdeutsche Dominanz bis 1968 verteidigt werden. Das Mittel dazu war die Bildung starker Renngemeinschaften mit Ruderern aus allen Teilen Deutschlands und das Verfahren des Ferntrainings nach folgendem Schema: Wochenendtraining in Ratzeburg im Achter, in der Woche Kleinboottraining zu Hause nach gemeinsamem Programm, am nächsten Wochenende Regatta, dann Kleinboottraining zu Hause und wieder Wochenendtraining in Ratzeburg. Mit einem abschließenden Trainingslager gelang es gegen alle Wahrscheinlichkeit, die Mannschaft regelmäßig schnell genug für die internationale Goldmedaille (Welt- oder Europameisterschaft oder Olympische Spiele) zu machen,

Dieses erfolgreiche Verfahren löste im eigenen Lager große Widerstände aus; da solche Achter im eigenen Lande kaum zu schlagen waren, wurde angeblich die Bildung vieler starker Achter verhindert. Nach meiner Ansicht wurde allerdings lediglich verhindert, daß mittelmäßige Mannschaften sich gut fanden, was natürlich im Sinne einer unbedingten Frustrationsvermeidung sehr bedauerlich ist. Vielleicht ist das Glück der Menschheit wirklich am besten gesichert, wenn jeder Dummkopf sich für ein Genie hält, jeder Schwächling für einen Supermann und Gegenbeweise untersagt werden. Der Start von Renngemeinschaften wurde jedenfalls bei den Deutschen Rudermeisterschaften verboten. Hier wird ein Wesensunterschied zwischen ost- und westdeutscher Sportorganisation sichtbar.

In der DDR ist Ziel und Aufgabe des Sports ganz eindeutig und verbindlich von Staat und Partei festgelegt: 1. Förderung von Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft aller Bürger und 2. Produktion von Spitzenleistungen für staatliche und ideologische Propaganda und die Festigung des Gruppenzusammenhalts. Diese Ziele werden unabhängig von Einzelinteressen konsequent angesteuert.