Wenige Tage nach Beginn der vereinbarten dreimonatigen Waffenruhe in Nahost sind die politischen Bemühungen um eine Friedensregelung zwischen Israel und den arabischen Nachbarstaaten in eine kritische Phase geraten. Der israelische Botschafter in den USA, Rabin, der sich zu Konsultationen mit seiner Regierung in Jerusalem aufhielt, ist vorzeitig nach Washington zurückgekehrt, um dort Präsident Nixon eine Note des israelischen Ministerpräsidenten, Golda Meir, zu überreichen. Darin werden erneut die Bedingungen Israels präzisiert, auf denen die Zustimmung zur amerikanischen Friedensinitiative beruht, so insbesondere die Entschlossenheit, sich nach einem Friedensvertrag nur auf „sichere, vereinbarte und anerkannte Grenzen“ zurückzuziehen.

Dieser Passus war in der vom UN-Generalsekretariat veröffentlichten Version der israelischen Antwort auf den Rogers-Plan nicht enthalten. Beunruhigung löste in diesem Zusammenhang ein Bericht der halbamtlichen Kairoer Zeitung „Al Achram“ in Jerusalem aus, wonach die USA der ägyptischen Regierung versichert hätten, Israel werde sich von allen besetzten Gebieten zurückziehen. Die Differenzen sind auf eine unterschiedliche Interpretation der entsprechenden Formulierungen in der Friedensresolution des UN-Sicherheitsrates vom November 1967 zurückzuführen, auf die sich die Initiative des amerikanischen Außenministers ausdrücklich bezog. Dies lassen auch die jüngsten Äußerungen des Leiters der politischen Redaktion von „Al Achram“, Boutros Ghali, in einem Interview mit Radio Monte Carlo erkennen.

Ghali wies darüber hinaus jedoch auf die Bereitschaft Ägyptens hin, Israel anzuerkennen, wenn dieses den US-Resolutionen zur Lage im Italien Osten Folge geleistet habe. Wenn außerdem das Problem der Palästina-Flüchtlinge befriedigend gelöst werden könne, sei ein Zustand der Koexistenz zwischen den arabischen Staaten und Israel möglich.

Keine volle Einigkeit zwischen Ägypten und Jordanien sowie Israel konnte bisher über den Ort erzielt werden, an dem die vorgesehenen Friedensverhandlungen stattfinden sollen. Während Israel dem Vernehmen nach die zypriotische Hauptstadt Nikosia vorzieht, wo auf der Ebene der Außenminister verhandelt werden solle, haben sich die beiden arabischen Staaten für Gespräche der UN-Vertreter in New York ausgesprochen.

Die Waffenruhe, die am 7. August um 23 Uhr MEZ begonnen hatte, ist am Suezkanal bislang eingehalten worden. Zu mehreren Zwischenfällen kam es dagegen auf den Golan-Höhen und am Jordan, wo die palästinensischen Widerstandsorganisationen ihre Ankündigung wahrmachten, auf die Ausrufung der Waffenruhe mit verstärkter Aktivität zu antworten. Auch die beiden – zahlenmäßig unbedeutenden – Nasser-freundlichen Guerilla-Organisationen, die wegen ihrer positiven Haltung zur Annahme des amerikanischen Friedensplanes durch Ägypten noch kürzlich in blutige Auseinandersetzungen mit widerstrebenden Gruppen verwickelt waren, haben sich jetzt gegen einen Waffenstillstand ausgesprochen und sich damit wieder in die gemeinsame Front der Palästinenser eingereiht.