Von Hans-Joachim Noack

Saarbrücken, im August

Am Ende von Lebach stand ein Urteil, das die Öffentlichkeit zufriedenstellte: Mit der Entscheidung auf lebenslangen Freiheitsentzug ist hierzulande alle Strafgewalt ausgeschöpft. Über Wolfgang Ditz, den 27jährigen ehemaligen Justizsekretär, und seinen gleichaltrigen Komplizen Hans-Jürgen Fuchs aber verhängte das Gericht wegen Mordes in vier Fällen, Mordversuchs, schweren Raubes und versuchter Erpressung fünfmal die Höchststrafe. Allein für den 24 Jahre alten Zahntechniker Gernot Wenzel, der Beihilfe zu allen Delikten angeklagt und für schuldig befunden, mag es nach der Verbüßung einer auf sechs Jahre festgesetzten Haft noch eine bescheidene Zukunft geben.

Der Fall Lebach ist zumindest in der ersten Runde abgeschlossen. Vielleicht wäre jedes andere Gericht zu dem gleichen Urteil gekommen wie das Tribunal im Großen Saal der Saarbrücker Kongreßhalle. Ditz, der vierfache Todesschütze, hatte von Anfang an keine Chance – er suchte sie wohl auch nicht, sondern beschied sich mit dem Wunsch, von der Öffentlichkeit "nicht nur als Bestie" angesehen zu werden. Fuchs verlor erwartungsgemäß. Fast alles sprach gegen ihn, am meisten sein – ursprünglich detailliertes und später wieder zurückgenommenes Geständnis. Die Sensation blieb aus, Sie hätte nur zustande kommen können, wenn es ihm gelungen wäre, sich aus dem Ärgsten herauszumogeln und den Zweifel zu forcieren. Doch der sprachgewandte Banckaufmann, der anderthalb Jahre als Gasthörer an; der Mannheimer Universität Studien in Psychologie betrieb, kam von der Rolle nicht mehr los, die ihm von Anbeginn zuerkannt war. Er wird vermutlich als "Kopf von Lebach" in die Kriminalgeschichte eingehen. Seine Beteiligung reichte laut Urteilsbegründung weit über die "geistige Urheberschaft" hinaus, und Zweifel am Grad, seiner Schuld, so meinte das Gericht, können "nicht vernünftig" sein.

Das ist es, was hinter das Massaker vom 20. Januar 1969 und seine Behandlung die großen Fragezeichen setzt: die permanente Berufung auf die Vernunft und der im Prozeß so häufige Gebrauch der Vokabel "Lebenserfahrung", die jeden Zweifel ausschließen. "Vernünftig" war nach dem Überfall auf das Munitionsdepot des 261. Fallschirmjäger-Bataillons der Bundeswehr zunächst die Annahme, das Blutbad könne nur das Werk kaltschnäuziger, möglicherweise gar von außerhalb des Landes entsandter Rollkommandos gewesen sein; "der Lebenserfahrung" entsprach später der Verdacht, die irrwitzige Apo habe nach Kaufhausbränden und anderen Attentaten für ein Fanal sorgen wollen; als "wahrscheinlich", weil für den gesunden Menschenverstand begreiflich, galt schließlich auch die Mutmaßung, eine Killer-Organisation vom Zuschnitt der Mafia habe zugeschlagen.

Als die wirklichen Täter gegriffen wurden, die in keine dieser Kategorien paßten, bemühten sich die Ermittlungsbehörden und anschließend das Gericht, Formulierungen für einen unbegreiflichen Vorgang zu finden. Die Versuche mißlangen. Sie endeten allesamt in Allgemeinplätzen, die am Schluß fast eines jeden Mordprozesses stehen, in dem Milderungsgründe für den Mörder nicht aufzuspüren sind. Und so kommt es, daß der zentrale Satz in der Urteilsbegründung zur Sache Lebach die ganze Erkenntnislosigkeit des Gerichts offenbart: "Ihr (der Täter) Verhalten ist menschlich nicht mehr verständlich."

Wo aber menschliches Urteilsvermögen nach eigenem Empfinden nicht mehr ausreicht, ein Geschehen in seiner Gesamtheit zu begreifen, darf der Mensch wohl mutlos auch in der Betrachtung der Details werden. Das Saarbrücker Schwurgericht ist auf solche Weise konsequent mutlos geblieben. Es hat sich mit der Erkenntnis beschieden, die drei psychologische und psychiatrische Sachverständige in der Bilanz ihrer Expertisen anboten: "Die Spielbreite des Menschen zum Guten und Schlimmen ist weit." Und: Es werde immer wieder Verbrechen geben, deren Motivationen im dunklen Bereich einer gewissen Irrationalität verborgen blieben. Diese Einschränkung zugrunde gelegt, seien die Angeklagten durchaus normal gewesen. Und da überlegenes Forschungsmaterial zu dem Thema nach Überzeugung des Schwurgerichts nicht mehr erhältlich ist, lehnte es folgerichtig den Antrag des Ditz-Verteidigers ab, ein Obergutachten einzuholen.