Als vor einigen Monaten die Deutsche Bank ihr Jahrhundert-Jubiläum feierte, erschien ein umfangreicher, drucktechnisch vorzüglich produzierter Band über die Geschichte dieser heute bedeutendsten Großbank in der Bundesrepublik:

Fritz Seidenzahl: „Hundert Jahre Deutsche Bank, 1870–1970“; Frankfurt am Main 1970; 459 Seiten (nicht im Handel).

Der Verfasser, angesehener Bank- und Wirtschaftshistoriker sowie Archivar eines erst in Anfängen wieder vorhandenen Archives der Bank, schrieb sie „im Auftrage des Vorstandes der Deutschen Bank“. Damit waren gewisse, verständliche Grenzen der Thematik und Darstellungsweise gezogen – andere, und zwar entscheidende Einengungen wurden dadurch verursacht, daß bei Kriegsende das gesamte Archiv der Bank sowie der 1929 mit ihr fusionierten Disconto-Gesellschaft und wohl auch anderer einverleibter Banken den Sowjets in die Hände fiel, später der Archivverwaltung der Deutschen Demokratischen Republik übergeben wurde und heute, mit wenigen Ausnahmen, Forschern aus der Bundesrepublik unzugänglich ist.

Seidenzahl mußte sich also im wesentlichen auf gedrucktes Material, Memoiren, Aktenpublikationen, einige private Sammlungen und Archive, mündliche Berichte und Anekdoten stützen. Was dabei unter großen Mühen herauskam – der Verfasser starb kurz nach Abschluß seiner anstrengenden Arbeit –, ist ein zugleich gutes und ungenügendes Buch. Es erzählt bei bequem lesbarer Form in beispielhaften Kapiteln das, was man sich mehr oder weniger aus der vorhandenen Literatur der letzten 30 bis 40 Jahre zusammenlesen kann: die breite detaillierte Gründungsgeschichte; lesenswerte Ausführungen über die Anatolische und später über die Bagdadbahn; den „Weg an die Ruhr“ unter August Thyssen und Direktor Klönne; die Bildung des „Petroleumtrusts der Deutschen Bank“, hauptsächlich in Verbindung von Geschäft und Politik in Rumänien; gerafft die Vorgänge zwischen 1914 bis 1923; den Zusammenschluß mit der Disconto-Gesellschaft; die Bankenkrisis von 1931; einiges über die Zeit im Dritten Reich und leider nur auf weniger als 10 Prozent des Gesamtumfanges etwas über das wichtigste, die meisten Leser am stärksten interessierende Vierteljahrhundert der Gründung und Entwicklung der Bundesrepublik. Von allen Kapiteln am ergiebigsten ist das über den „Juli 1931“, worin einiges bisher unbekannte Material, insbesondere eine Denkschrift der Bank vom 8. Oktober 1931 für Reichskanzler Brüning, verwertet wurde.

Das Buch ist mehr lesbar als eindringlich geschrieben, wahrscheinlich, weil die Dokumente über Interna der Geschäftsentwicklung verloren oder unzugänglich sind. Aber etwa über die „Bankenkonzentration“ von den achtziger Jahren bis in unsere Zeit hätte sich auch aus längst gedrucktem Material und aus den Archiven anderer Banken ein gehaltvolleres Kapitel schreiben lassen – freilich keines, in dem die von der Konzentration betroffenen kleinen und größeren Bankhäuser von vornherein als „große und kleine Alliierte“ hätten bezeichnet werden können.

Für den historisch interessierten Leser bietet das Buch viele Informationen, aber es ist allzusehr an den Klassikern der Geschichtsschreibung orientiert, die ein übersichtliches und harmonisches Bild einer Darstellung des Durch- und Gegeneinanders im Leben vorgezogen haben. Man kann aber heute dem Leser, der sich über Bank, Börse, Investment, Entwicklungshilfe und viele andere Fragen mit mehr oder weniger Sachverstand orientieren will, nicht mehr mit der Erzählweise von 1920/1930 beikommen. Die Frage nach dem volkswirtschaftlichen, innen- und außenpolitischen Einfluß der großen Banken und ihrer Direktoren hätte doch wohl gestellt werden müssen; auch der weitverbreitete Vorwurf der Kollaboration mit Hitler, Göring und dem Dritten Reich insgesamt hätte eine Antwort verdient – auch und gerade „im Auftrage des Vorstandes“. Große Industrieunternehmen haben Historikern die Möglichkeit geboten, auf ähnliche Fragen unbehindert einzugehen – etwa auf das Problem der Vorbereitung auf einen großen Krieg, das seit einem Vortrag des Hamburger Privatbankiers Warburg auf dem Bankiertag von 1907 auch bei den Banken in der Diskussion geblieben ist.

Da sich das Archiv der Deutschen Bank im Zentralarchiv der Deutschen Demokratischen Republik befindet, konnte man annehmen, daß in Ostberlin zum Jubiläumsjahr ein voluminöses Werk über die Rolle der Deutschen Bank in Wirtschaft und Politik des Kaiserreiches, der Weimarer Republik, des Dritten Reiches und der Bundesrepublik veröffentlicht werden würde. Doch anscheinend lag in dem Bankarchiv nicht genug Material, um eine „Anklage“ gegen den bald „imperialistischen“, bald „faschistischen“ „Monopolkapitalismus“ zu erhärten. Denn man hat es unterlassen, ein solches Buch von einem qualifizierten Historikerkollektiv schreiben zu lassen, und diese Aufgabe sogar einem wissenschaftlich unbekannten, stilistisch allerdings höchst gewandten Propagandisten und Polit-Publizisten überlassen: