Von Adolf Metzner

Bei den 70. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften stahlen die Frauen den Männern die Schau. Attraktiv, oft frisch erblondet, mit Pferdeschwänzen oder Bubikopf, präsentierten sie sich den 18 000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion. Aber nicht nur nett anzusehen waren jene Damen, die unter der Bezeichnung Leichtathletinnen figurieren, sondern sie waren auch leistungsstark wie nie zuvor. Von den zehn Höchstleistungen der drei Meisterschaftstage kamen allein acht auf ihr Konto.

Freilich, nicht jeder „deutsche Rekord“ hat heute das gleiche Gewicht! Neben den schwächeren Rekorden des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gibt es die besseren gesamtdeutschen Rekorde: fünf wurden hiervon aufgestellt, die übrigen fünf firmieren als Bestleistungen der Bundesrepublik. Daneben existieren noch Jahresbestleistungen und, um die Verwirrung voll zu machen, persönliche Bestleistungen. Sie haben eigentlich bei Deutschen Meisterschaften nichts zu suchen und sollten auch nicht durch den Platzlautsprecher, wie es in Einzelfällen geschah, laut verkündet werden, da sie nur der Rekordinflation Nahrung geben.

Die ganz überragende Weltklasseleistung, die allein heute noch Zuschauermassen in die Stadien lockt, blieb allerdings aus. Nur um Millimeter hatte die Fünfkampf-Olympiasiegerin Ingrid Mickler-Becker am Absprungbalken die Plastikbarriere tangiert, ein klarer Abdruck war nicht festzustellen, trotzdem wurde die rote Flagge gezeigt – ungültig! Einen Zentimeter vorher angesetzt, wäre der Sprung neuer Weltrekord (6,82 m) und die Sensation da gewesen, es fehlte nur ein Gran an Präzision. Und schon erwägen Experten, um das Vabanquespiel zu stoppen, in Zukunft jeweils die effektiv gesprungene Weite zu messen. Schließlich siegte doch Heide Rosendahl, die ihre Starrolle in vollen Zügen genießt, mit sehr guten 6,72 Metern, womit sie ihren eigenen gesamtdeutschen Rekord einstellte.

Renate Gärtner, die, erst 17 Jahre alt, aus einem winzigen oberhessischen Dorf stammt und in Stuttgart beim Amerikakampf ob ihres 1,78-Meter-DLV-Hochsprung-Rekords noch stürmisch gefeiert worden war, schlich diesmal besiegt mit hängenden Zöpfen von dannen. Neben dem strahlenden Triumph hockt beim Sport eben die kleine Tragödie. Um vier Zentimeter wurde ihre Bestleistung, die trotz des perfekten Tauchwälzers noch keine Weltklasse darstellte, von der Münchner „Floperin“ Karen Mack überboten. Erstaunlich, wie schnell der Mensch diesen auf den ersten Blick so kompliziert und kurios anmutenden Bewegungsablauf, genannt Fosbury-Flop mit seiner Drehung in der Luft zum „Kopf-rückwärts“, beherrschen kann. Selbst die Sportstudenten und -studentinnen, deren ideologische Einpeitscher an den Instituten für Leibesübungen heute die Abkehr von jeder Leistung predigen, erlernen ihn spielend.

Ein Schulmädchen mit Note 4 im Sport, Margit Bach, stürzte die große Favoritin Heide Rosendahl im 100-Meter-Hürdenlauf. Auch ihre 13,1 sec sind DLV-Rekord, der Weltrekord der 31jährigen Leipzigerin Karin Balzer, die schon 1964 Olympiasiegerin war, steht freilich auf 12,7 sec.

Über 100 Meter dominierte auf der Kunststoffpiste die Fünfkämpferin Ingrid Mickler-Becker mit guten 11,3 sec bei 1,1 sec Rückenwind, das spricht nicht gerade für die Qualität der Sprinterinnen, ebenso wie der dritte Platz der zweiten Fünfkämpferin Heide Rosendahl. In einer Woche wollen beide dem Fünfkampf-Weltrekord zu Leibe rücken. Nur die superblonde Elfgard Schittenhelm fiel hier als Zweite und besonders auch durch ihren 200-Meter-Sieg angenehm auf. Christel Frese aus Köln lief wiederum die 400 Meter zu langsam an, sie erreichte zwar mit 52,6 sec wiederum deutschen Rekord, aber sie blieb noch weit entfernt von der Grenze ihrer derzeitigen Möglichkeiten. Schließlich steht der neue Weltrekord der Jamaika-Negerin Neufville, aufgestellt bei den Commonwealth-Spielen, auf blanken 51 Sekunden.