Offenbach/ Main

Die Veranstalter dankten Offenbachs Behörden für die "liberale Haltung" und versprachen, nach biblischem Vorbild den zehnten Teil ihrer Einnahmen den Armen und Bedürftigen der Stadt zu spendieren. In einer Pressekonferenz zitierten sie anerkennend die "fortschriftliche Einstellung" eines Herrn namens Nett vom städtischen Ordnungsamt. "Wir sind kein Moralinstitut", hatte Herr Nett kurz und bündig gesagt.

So kam es, daß die Stadt der Lederwarenmesse die "intim 70", Deutschlands erste Sex-Ausstellung, nicht nur gegen gute Miete beherbergte. Fünf Tage, bis einschließlich Dienstag dieser Woche, zeigten vierzig Firmen auf 1200 Quadratmetern Präsentationsfläche, was bei Beate Uhse und anderswo schon seit langem wie im Supermarkt erhältlich ist: die Erzeugnisse der allerfeinsten Gummi-Industrie, Hauchzartes an Hemden und Höschen, "scharfe" Posters und Schmalfilme über Posen und Positionen fürs Kino daheim, Potenzsteigerndes aus Tüte und Tube, handliche Vibratoren als summende Selbstbefriedigungsmaschinchen.

Es war sicher kein Markt der Sensationen, den Günter Röhr, der 29jährige Hamburger Propagandist für Warenhäusneuheiten, und sein Kompagnon, der Student Horst Peisker, offerierten – doch die Sex-Messe "an sich", der Umstand, daß es derartiges überhaupt geben konnte, schien dem staunenden Publikum schon Knüller genug. Es kam – Eintrittsgebühr fünf Mark – in solchen Scharen, daß in den Gängen der Stadthalle der Strom der Passanten hoffnungslos stockte.

Die anonyme Masse macht die Befreiung des Individuums möglich; König Kunde kroch nicht verstohlenen Blicks wie ein bibbernder Habenichts an die Ladentische mit den ausgelegten Glückseligkeiten, er stellte kecke Fragen, prüfte die Packungen mit den Präservativen oder blätterte mit Kennermiene im "Strich", dem ersten deutschen Prostituierten-Almanach.

Apropos "Strich". Wäre das gute Buch nicht gewesen, das auf Seite 73 eine private Telephonnummer veröffentlichte, weshalb die III. Zivilkammer des Frankfurter Landgerichts im Interesse der betroffenen Telephoninhaberin eine einstweilige Verfügung verkündete – die Sex-Messe hätte bar jeden. Zwischenfalls in einem Flair des ganz und gar Selbstverständlichen dahingelebt, das künftigen Veranstaltungen dieser Art wenig förderlich sein könnte. Wenn man davon ausgeht, daß für die notwendige Publicity nichts wirkungsvoller ist als eklatanter Widerspruch, bot die Offenbacher Show herzlich wenig. Denn was ist mit der Strafanzeige eines Rechtsanwalts aus der Provinz und ein paar Hausfrauenprotesten schon getan, wenn die städtische Polizeipräsident die Ausstellung vor ihrer Eröffnung höchstpersönlich "abnahm"?

Wie es um den allgemeinen Lustgewinn steht, den die Besucher aus der Messe und ihrem Angebot zogen, wird schwer feststellbar, sein. Daß die Veranstalter trotz der 50 000 Mark Unkosten und die Aussteller, die pro Stand 1200 Mark an Gebühren zu zahlen hatten, ihren Profit machten, läßt sich hingegen leicht errechnen. Röhr und Peisker, sie sagen es selbst, wollen keine Volksaufklärer sein, sondern Geld machen – Geld aus "marktaktuellen" Ab-Phali-Produkten für eine unbefriedigte Wohlstandsgesellschaft. Hans-Joachim Noack