Von Dietrich Strothmann

Friedland, im August

Gesichter in Friedland: Die Frauen hatten Tränen in den Augen. In ihren Gesichtern lag Hoffnung, aber auch Angst. Mit der einen Hand winkten sie, mit der anderen hielten sie ihre selbstgebastelten Plakate hoch, so, daß jeder sie sehen konnte. "Kennen Sie...?" – "Haben Sie... gesehen?" Das war vor fast genau 15 Jahren, im Oktober 1955. Damals kamen, nach Adenauers Besuch in Moskau, zehntausend deutsche Soldaten, die in der Sowjetunion zur Zwangsarbeit verurteilt worden waren, nach Deutschland zurück. Ihre erste Station war das Grenzdurchgangslager Friedland, eine knappe halbe Autostunde von Göttingen entfernt, nahe der Grenze, die durch Deutschland führt. Und viele Frauen, die damals in Friedland warteten, um ihren Mann, ihren Bruder, ihren Sohn in die Arme zu schließen, waren vergebens gekommen. Sie hielten ihre Schilder hoch, winkten und weinten. Hilflose, traurige, verhärmte Gesichter in Friedland, dem "Tor zur Freiheit". Für viele war es das Tor des Endes.

Gesichter in Friedland: 15 Jahre danach standen wieder Frauen zwischen den flachen Steinbaracken des Lagers. Und wieder war es wie ein letzter Abschied. Sie hörten den Klang von Glocken aus Ostpreußen und Schlesien, die im Turm der katholischen St.-Norbert-Kirche hängen. Sie hörten die Ansprachen, in denen vom Selbstbestimmungsrecht die Rede war und vom Unrecht. Und sie sangen zum Schluß die dritte Strophe des Deutschlandliedes: "Einigkeit und Recht und Freiheit." Dann gingen sie, wie sie gekommen waren – leise, still, ohne Aufhebens zu machen. Kein Zorn war in ihren Gesichtern, aber auch keine Zuversicht. Nicht einmal die drei, vier Schilder, die einige hochgehoben hatten; vermochten ihnen Mut zu machen: "Wir verzichten weder vor, noch in, noch nach einem Friedensvertrag auf den deutschen Osten und das Sudetenland" – "Niemals Oder-Neiße-Grenze".

Die alten Männer und die alten Frauen, zusammengerufen zu einer Gedenkstunde des Niedersächsischen Bundes der Vertriebenen, aufgefordert zu einer machtvollen "Kampfdemonstration" gegen den Moskauer Vertrag, gegen "Verzicht auf Anerkennung", zur Erinnerung an "25 Jahre Vertreibung aus der Heimat", sie hatten nicht einmal "Pfui" geschrien oder "Buh" gerufen, als ihnen gesagt wurde, das Unrecht, das ihnen angetan worden sei, könne nicht nachträglich sanktioniert werden. Sie schwiegen.

Nur ein paarmal klatschten sie, als sie hörten: "Ohne eine gesicherte Freiheit werden wir nicht nur nicht überleben, wir werden auch noch den letzten Rest von Deutschland verspielen." "Wir Deutsche in Freiheit sprechen, wenn wir von Selbstbestimmungsrecht reden, nicht nur für uns selbst und unser Volk, sondern für alle diejenigen Völker, denen die Freiheit bis heute geraubt worden ist vom kommunistischen Imperialismus. Ihre Reihe reicht von den Esten, Letten und Litauern über die Polen, Tschechen und Slowaken zu den Ungarn, Rumänen, Bulgaren, gar nicht zu reden von all den Völkern, die seit 1917 von der großrussischen Revolution gewaltsam integriert worden sind."

Es war kein Blick zurück im Zorn, kein verzweifeltes Aufbäumen wider das Schicksal, kein Haß auf jene, die ihnen damals Unrecht angetan hatten oder auf jene, die dieses Unrecht heute angeblich "besiegeln" wollen. Die dreitausend Vertriebenen, die zum Protest gegen den Moskauer Vertrag und gegen alle künftigen Verträge mit dem Osten vor die Lagerkirche in Friedland gerufen worden waren, stürmten keine Barrikaden. So, wie sie da im Nieselregen standen, alt und gebeugt, müde und verloren, machten sie den Eindruck, als ahnten sie: Unsere Zeit geht zu Ende. Wir haben nichts mehr zu gewinnen – nicht unsere Wohnung in Breslau, nicht unseren Hof in Masuren, nicht unser Haus in Pommern.