Der amerikanische Vizepräsident Agnew ist Nixons Spezialist für undankbare Aufgaben. Die aggressive Rolle, die ihm der Präsident in der Innenpolitik zugedacht hat (die er allerdings mit Genugtuung spielt), bescherte ihm zwar eine große Anhängerschaft, aber auch sehr viele Feinde.

In der Außenpolitik hat es Agnew ebenso schwer. So übertrug ihm der Präsident Ende des vergangenen Jahres die heikle Mission, im pazifischen Raum die Guam-Doktrin zu interpretieren. Es gelang ihm mit einigem Erfolg, elf Regierungen verständlich zu machen, was Nixon unter der Doktrin versteht: ein allmähliches Zurückziehen der USA "hinter den Horizont" und finanzielle Hilfe an die asiatischen Nationen, damit sie sich nach und nach selber helfen können.

Auf seiner zweiten Reise, die ihn derzeit durch Südkorea, Südvietnam, Thailand und Taiwan führt, muß der Vizepräsident noch mehr Überzeugungskraft aufwenden als damals. Denn für die Länder, die er jetzt bereist, ist die Guam-Doktrin keine ferne Vision mehr, sondern drohende Realität. Der Abbau der US-Truppen in Südvietnam und die Verminderung der amerikanischen Garnisonen in Thailand und Südkorea hat dort die Sorge vor einem überstürzten amerikanischen Rückzug wachsen lassen. Mit starken Worten und finanziellen Trostpflastern sucht Agnew der Furcht zu begegnen. Sie werden die Vertrauenslücke bei den "Falken" unter den asiatischen Verbündeten Amerikas jedoch nur notdürftig überkleben. Dem Friedenslager im eigenen Land aber klingen die Versprechungen Agnews an die Asiaten schon jetzt schrill in den Ohren. Abermals kämpft der Vizepräsident einen Zweifrontenkrieg. D. B.