Von K. H. Kramberg

Der dritte Roman dieser jungen Engländerin mit dem feierlich-schönen Kassandragesicht –

Ann Quin: "Passagen", aus dem Englischen von Elisabeth Fetscher; März Verlag, Darmstadt; 126 S., 14,– DM

liest sich zunächst wie die modisch schicke Minilook-Travestie eines sophokleischen Themas.

Von ihrem Geliebten, einem wohl schon älteren Herrn jüdischer Herkunft, begleitet, geistert die neue Antigone als Touristin durch das Hellas der Militärdiktatoren, um ihren verschollenen, verschleppten, vielleicht zu Tode gefolterten, vielleicht auf der Flucht erschossenen Bruder zu suchen. Die junge Frau schildert die Erlebnisse und Nichtergebnisse dieser Expedition in einem erzählenden Protokoll. Ihr Partner, Archäologe dem Bildungsstand nach, registriert die gleichen Passagen in Tagebuchform. Seine Notizen sind am Rand mit seltsamen Glossen zur griechischen Mythologie, angeregt meist durch Keramikbilder, signiert.

Beide Textstränge, die sprunghaft kolportierte Geschichte der neuen Antigone und der aphoristisch didaktische des Archäologen, weisen – bei aller Divergenz der Stimmungen und Bilder – in ihrem sprachlichen Gestus bemerkenswerte Übereinstimmung auf. So die Gewohnheit, jählings aus der ersten Person der Erzählung in die dritte hinüberzuwechseln. Die Person, die eben noch "ich" schrieb, sagt einen Satz später "er" oder "sie", sagt: "der Mann", sagt: "die Frau". Diese Manier ist uns bei Kindern geläufig, die noch unterwegs sind, ihr Ich zu entdecken. Man kennt sie aber auch als ein verbales Symptom der Schizophrenie. Der gespaltene Irre kündigt damit an, daß er nicht bei sich ist, jedenfalls nicht ganz, daß er der eine und der andere ist.

So wächst im Leser der Verdacht, der Held und die Heldin dieses Doppelromans könnten auch ihrerseits Abspaltungen ein und derselben Person sein, ein schizophrenes Duett, Herr Animus und die Frau Anima in Flitterwochen, verliebte Hälften, die einander fliehen und meiden, küssen und quälen, sich durch eine Landschaft bewegend – eine Welt schöner Bilder, als deren Autor wir einen Demiurgen vermuten, der seinerseits an Spaltungsirresein leidet. Zu denken bleibt schließlich an die Antigone des Sophokles nach ihrer Einmauerung. Wie sie die Finsternis, die ihr Los ist, mit den Bildern und Erinnerungen aus einer Welt illuminiert, in die sie nie mehr zurückkehren wird, wie sie die Phantome ihres ungelebten Lebens zu den Spielgefährten ihrer Gefangenschaft macht.