Hellmuth Karasek führte in seiner Betrachtung, der er mit etwas zu feinsinniger Ironie den Titel "Über das gesunde Fühlen" (ZEIT Nr. 34 vom 21. August 1970) gab, Stich- und Schlüsselworte bataillons weise ins Feld: Material genug für ein Buch, von dem ich nicht sicher bin, ob es geschrieben werden muß.

Überdies bediente er sich einer etwas ungewöhnlichen publizistischen Technik: nämlich der öffentlichen Psychoanalyse. Er berührt Zonen des Privaten, in denen die Motive meiner Polemik gegen den Melzer Verlag zu suchen seien.

Zur Sache:

Erstens: Karasek stellt fest, Arrabal habe "sein Buch als Anti-Buch, als Anti-Effekt gemeint", als den "Versuch eines Schriftstellers, seine Beweggründe so unvermittelt darzustellen, daß er der Eingemeindung durch die Gesellschaft entgeht".

Ein Anti-Buch bleibt, sofern die Welt nicht von Sinnen ist, noch immer ein Buch. Ich wüßte nicht einen gedruckten Satz, von dem behauptet werden könnte, er sei geschrieben, um der "Eingemeindung durch die Gesellschaft" zu entgehen. Ein Buch will Leser und Betrachter. Es gemeindet sich damit im Zuspruch oder Widerspruch in die Gesellschaft ein, wie immer sie beschaffen sein mag, ja, es drängt sich ihr auf. Es ist durch den ersten Käufer Bestandteil des Gesellschaftlichen geworden.

Zweitens: Karasek zitiert aus dem Umkreis des "Radikalen Theaters" einige, Beispiele, die nachweisen, daß eine junge Literatur die archaische Gewalt des Sexuellen wiederentdeckt. Ute Nyssen: "Sexualität erscheint identisch mit der Lebenskraft schlechthin, als potentiell bedeutendste Begabung des Menschen, als Person, als soziales Wesen ganz zu sich selbst zu kommen. Eine autoritär strukturierte Gesellschaft findet in ihr vor allem das Medium der Unterdrückung."

Die Macht des Geschlechtes ist weiß Gott ein Problem von Menschenbeginn an; es bleibt keiner Generation erspart, ihr von neuem mit Furcht und Staunen, ja im Glücksfall mit Vergnügen zu begegnen. Sexualität kann ein Medium, nicht der Unterdrückung – wenn man es mit der Sprache genau nimmt – sondern der Unterdrückungstechnik einer autoritären Gesellschaft sein. Aber auch ein Medium jenes Sublimierungsprozesses, den man Kultur nennen könnte, falls dieser Begriff nicht tabuisiert worden ist. Karasek ruft Oswald Wiener auf den Plan: "... wenn die kultur die Wirklichkeit verhindert, so muß sie selbst verhindert werden – wenn sie die Wirklichkeit erzeugt, muß man sie zerschlagen: kultur und Wirklichkeit sind pole eines unmündigen bewußtseins."