Wenn es nach dem sowjetischen Minister für die Automobilindustrie Tarasow geht, soll der Mercedes-Stern – Werbeslogan: "Dein guter Stern auf allen Straßen" – spätestens 1974 an der Kama, einem der größten Nebenflüsse der Wolga, aufgehen. In Nebereschnje Tschelny möchte der Minister künftig jährlich 150 000 schwere Lastkraftwagen nach Lizenzen aus Untertürkheim bauen.

Es liegt nahe, daß das Ministerium die Daimler-Benz-Werke als "beratende Ingenieure" hinzuzieht, wenn es als Generalunternehmer die Aufträge für die Ausrüstung des größten europäischen LKW-Werkes an ein Konsortium vergibt, dem wahrscheinlich Firmen aus Frankreich, Italien, den Niederlanden, der Bundesrepublik und möglicherweise auch Großbritannien angehören. Fachleute schätzen den Umfang der Investitionen auf zweieinhalb bis drei Milliarden Mark.

Genannt wurden bisher neben Daimler-Benz die Firmen Fiat, Renault/Saviem, MAN und DAF. Informationen über Einzelheiten des Projekts, das durch den deutsch-sowjetischen Vertrag neuen Auftrieb erhalten hat, werden in Untertürkheim jedoch abgelehnt: "Wir sind noch mitten. in den Verbands hingen."

Nach langem Zögern bestätigte auch die Bundesregierung ihr Interesse an dem Projekt, für das die Daimler-Benz-Manager offenbar eine Kreditbürgschaft anstreben.

Begonnen hatte es im Herbst letzten Jahres, als Tarasow während der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt auf Einladung von Daimler-Benz den Mercedes-Stand besuchte und dort mit den Managern erste Gespräche führte. Im Juni dieses Jahres drangen dann die ersten Gerüchte an die Öffentlichkeit, daß die Sowjets an einem Vertrag mit Daimler interessiert seien.

Zwischen den beiden Terminen lag eine Reise von Henri Ford II. nach Moskau. Angeblich hat jedoch das amerikanische Verteidigungsministerium Bedenken gegen ein Ford-Engagement in der Sowjetunion angemeldet.

Hintergrund des sowjetischen Interesses dürfte, die Tatsache sein, daß Daimler in Wörth für rund 250 Millionen Mark das modernste europäische Montagewerk für Nutzfahrzeuge gebaut hat, in dem jährlich rund 50 000 LKW produziert werden können. Das Stuttgarter Unternehmen beherrscht etwa die Hälfte des deutschen Marktes für Lastkraftwagen.