Von Monika Sperr

Zu den verschiedenen ermutigenden Büchern über antiautoritäre Erziehungsmethoden, Kinderanalyse und -psychologie, die in den letzten Jahren immer stärkere Beachtung zumindest bei den fortschrittlichen Eltern und Erziehern fanden, ist ein Buch hinzugekommen,, besondere Aufmerksamkeit verdient.

Für alle, die Kinder lieben und achten, wird das Buch „Dibs“, nach Tonbandaufzeichnungen und Protokollen von der amerikanischen Psychologin Dr. Virginia M. Axline geschrieben, eine aufregende und wichtige Lektüre sein. Für alle, die Kinder zu kleinen Trotteln und willigen Befehlsempfängern diskriminieren, ist es ein notwendiges Buch zu besserer Einsicht:

Virginia M. Axline: „Dibs“– Die wunderbare Entfaltung eines menschlichen Wesens, aus dem Amerikanischen von Rosemarie Soenderop; Scherz Verlag, München; 220 S., 18,– DM.

„Dibs“ ist die Geschichte eines Jungen, der einsam und unglücklich und nicht fähig war, seine Isolation zu durchbrechen, um den Kontakt zur Umwelt aufzunehmen. Für Dibs schien die Welt ein quälendes Elend zu sein, doch sprach er nicht davon. Mit drei Jahren kam Dibs in eine Schule, keine Schule für geistig oder seelisch gestörte Kinder, sondern eine exklusive Privatschule, die von den drei- bis siebenjährigen Kindern meist privilegierter, wohlhabender Eltern besucht wurde. Dibs beteiligte sich nicht am Spielen und Lernen. Seine Verweigerung war vollkommen. Stundenlang saß er und beguckte Bücher oder beobachtete die anderen Kinder. Sprach man ihn an, so rollte er sich als Kugel auf dem Boden zusammen und bewegte sich nicht. Er war unansprechbar.

Der Schulpsychologe hatte ihn beobachtet und versucht ihn zu testen. Aber Dibs war nicht bereit, sich testen zu lassen. Es gab Reaktionen von Dibs die erkennen ließen, daß er keineswegs schwachsinnig war, sondern im Gegenteil intellektuell besonders begabt. Während der Spieltherapiestunden bei Dr. Axline stellte sich heraus, daß Dibs mit fünf Jahren fließend lesen konnte.

Zu seinen Eltern hatte Dibs ein völlig gestörtes Verhältnis. Er war ein unerwünschtes Kind. Sein Vater war ein hochqualifizierter Naturwissenschaftler, die Mutter eine erfolgreiche Chirurgin. Das Kind, das nicht gewollt war, störte sie und veränderte ihr Leben. Äußerlich fehlte Dibs nichts. Er hatte alles Spielzeug und mehr, als er wollte. Dibs hatte alles, nur nicht die Liebe und Anerkennung seiner Eltern.

Mit fünf Jahren lernt Dibs Dr. Axline kennen. Er besucht sie ein Jahr lang wöchentlich einmal zu einer Spieltherapiestunde. Im Spieltherapiezimmer baut Dibs sich eine Welt. Hier macht er ohne Anweisungen und Bevormundungen das, was er gerade will. Hier fühlt er sich nach kurzer Zeit so sicher, daß er beginnt, sich zu äußern: „Dibs ergriff die Säuglingsflasche und trank kurz daraus. Dann legte er sie hin und sah mich unverwandt an. ‚Ich bin kein Baby mehr’, sagte er. ‚Ich bin jetzt ein großer Junge. Ich brauche die Babyflasche nicht.‘ ‚Du brauchst die Babyflasche nicht mehr?‘ fragte ich. Dibs grinste. ‚Außer ich will manchmal wieder ein Baby sein‘, sagte er. Je nachdem, wie ich mich gerade fühle. Wie ich mich fühle, so werde ich sein.“

Es ist aufregend und der größten Anerkennung und Achtung wert, mit welcher Sensibilität und Klugheit sich Dibs verhält und allmählich fähig wird, mit seiner Welt fertig zu werden und den Versuch zu wagen, sie zu seinen Gunsten zu ändern.

„Dibs bückte sich und gruppierte schnell die Spielsoldaten um, die er auf den Boden gestellt hatte. Er stellte sie so auf, daß sie auf mich zielten, und ging zur Tür. ‚Gewehre sind nützlich, wenn man schießen muß‘, sagte er.“

Mit sechs Jahren ist Dibs ein Kind, das Selbstvertrauen gefunden hat, mit seinen Schwierigkeiten fertig werden und seine Gefühle und Bedürfnisse äußern kann. Mit seiner Selbstverwirklichung hat Dibs gleichzeitig sein Verhältnis zu den Eltern verändert. Je mehr er seine Isolation durchbricht, um so stärker zwingt er sie zu einem Lernprozeß und erreicht, daß sie ihn besser verstehen und mehr achten. Er muß seine intellektuellen Fähigkeiten nicht mehrverleugnen und sich verweigern, weil er weiß, daß er um seiner selbst willen geliebt und geachtet wird.

Dr. Axline macht keine großen Worte. Nicht einmal benutzt sie die vielstrapazierte Vokabel „antiautoritär“ und macht doch aus Dibs ein freies Kind. Seine Äußerungen, Reaktionen und Verhaltensweisen hält sie mit beteiligter Sachlichkeit fest. Das Buch wurde von ihr nach den Tonbandaufzeichnungen und Protokollen mit Einwilligung der Eltern geschrieben. Es ist ein Buch, das neue und bessere Maßstäbe für den Umgang der Erwachsenen mit Kindern setzt und zeigt, wie sehr sich Kinder ihrer Umwelt bewußt sind, sie genau und prüfend zur Kenntnis nehmen, auch wenn sie nur einen kleinen Teil ihrer Erfahrungen anderen mitteilen. Es zeigt auch, wie sehr Kinder fähig sind, ihre Entscheidungen selbst zu treffen, und wie schädlich alle Bevormundungen sein müssen.

Es ist zu wünschen, daß viele Eltern dieses Buch lesen, damit sie ihre Kinder besser verstehen lernen und mehr achten. Dann wird den Eltern auch mehr als bisher das freie Lachen von Dibs begegnen: „Ich komme und fülle mich wieder mit Glück.“