Von Edmund Gruber

Jerusalem, im August

Golda Meir legte die sieben Bogen ihrer Rede zusammen. Sie hatte alles gesagt, was sie für das Bankett im Tel Aviver Hilton-Hotel vorbereitet hatte. Da blitzten ihre Augen auf, als sei ihr erst jetzt das Wichtigste eingefallen. In den Beifall der 500 jüdischen Führer aus aller Welt, die nach Israel gekommen waren, um eine neue Schuldenverschreibung in Höhe von 500 Millionen Dollar auszuhandeln, rief sie mit letztem Kraftaufwand: "Wir haben nichts gegen die Vereinigten Staaten. Aber alle müssen wissen, unsere Freunde ebenso wie unsere Feinde: Wir werden hier bleiben und unsere Rechte verteidigen, genauso wie die Großmächte ihre Rechte auf Frieden und Sicherheit verteidigen. Wir waren ein hartnäckiges Volk 1900 Jahre lang. Die Welt soll sehen, daß sich daran nichts geändert hat."

Die Welt, das sind derzeit vor allem die Amerikaner, bei denen Jerusalem mit seinen Beschwerden über den forcierten Aufbau des ägyptischen Luftabwehr-Raketensystems am Suezkanal abblitzte. "Wollen uns die Amerikaner verkaufen?" fragen viele Israelis. "Für eine Abmachung mit den Russen?" Die Waffenruhe am Kanal weckt mehr Ängste als Hoffnungen.

Waffenstillstand, das hat es im Nahen Osten in den letzten 22 Jahren schon öfter gegeben. Zuletzt nach dem Sechs-Tage-Krieg – bis Gamal Abdel Nasser im März 1969 das Abkommen aufkündigte und Israel den Zermürbungskrieg erklärte. An der Grenze zum Libanon besteht ein Abkommen seit 1949; trotzdem attackieren arabische Guerillas von libanesischem Gebiet aus israelische Siedlungen. Syrien hat den UN-Sicherheitsratsbeschluß vom November 1967 nicht anerkannt. Jordanien akzeptierte den Waffenstillstand nach dem Sechs-Tage-Krieg, doch jordanisches Militär gibt den Fedajins bei ihren Kommandoaktionen Feuerschutz. Und nun der Waffenstillstand am Suezkanal – warum sollte von ihm Besseres zu erwarten sein?

Nicht nur Menachim Begin ist da mißtrauisch. Der Führer der Gachal-Partei, der das Kabinett Golda Meirs zusammen mit fünf Parteifreunden vor der Annahme des Rogers-Plans verließ, träumt von einem Israel, wie es in der Bibel steht – von einem Israel, das größer ist als das unter Ben Gurion, größer noch, als es die Waffenstillstandslinien des Sechs-Tage-Krieges vorzeichnen. In der Knesset-Sondersitzung zu Beginn dieser Woche warnte Begin davor, daß Israels Städte das gleiche Schicksal erleben könnten wie die Städte in Südvietnam, falls sich die israelischen Truppen aus Westjordanien zurückziehen sollten. "Wenn wir wieder dort stehen, wo wir vor dem Sechs-Tage-Krieg standen", sagte er, "dann bedrohen die Katjuschas wieder die Bevölkerungszentren unseres Landes. Dann haben wir wieder dieselbe Situation wie vor dem letzten Krieg." Mancher stimmt ihm heute zu, der seine Politik sonst nicht billigt.

So ist es verständlich, daß Israel nur zögernd den Weg zu Verhandlungen findet. Doch so sehr sich das Kabinett in Jerusalem auch bemühte, den Gesprächsbeginn in New York hinauszuschieben – den Pressionen der USA konnte es am. Ende nicht widerstehen. Die Minister diskutieren sogar über die Möglichkeiten eines Rückzuges, über Pläne, die bereits unter Ministerpräsident Levi Eschkol die Runde machten: so etwa über den Allon-Plan, der eine Entmilitarisierung Westjordaniens vorsieht, wobei die israelischen Siedlungen entlang des Jordans bestehen bleiben sollen; Verteidigungsminister Dayan lieferte dazu die Version, statt der Wehrsiedlungen entlang des Jordans israelische Städte auf den Bergen neben Hebron, Ramallah und Nablus zu bauen. Im übrigen: Zwischen Eilat und Sharm el Sheik soll die Landverbindung erhalten bleiben; der Gaza-Streifen darf nicht wieder zurückgegeben werden; die strategisch wichtigen Golan-Höhen stehen nicht zur Debatte, da sie selbst im Rogers-Plan nicht erwähnt sind; Jerusalem schließlich muß vereint bleiben, auch wenn man über einen Sonderstatus der religiösen Stätten mit sich reden lassen will.