Berlin

Die Berliner Fürsorgeerziehungsbehörde hatte im Fall des 15jährigen Dirk-Alexander S. entschieden, daß er – viele Male aus den verschiedensten Erziehungsheimen entwichen – an seinem letzten Zufluchtsort, in der Kreuzberger Kommune "Theatergruppe Rote Steine" bleiben könne. Doch Kommune, in der aktuell-üblichen Auslegung des Wortes, ließ an vielschläfrige Gemeinschaftszimmer denken, an eine Art Wohngelage, bei dem Matratzen das vorrangige Mobiliar darstellen, bei dem Liebesbeziehungen diagonal vollzogen werden und die Moral ihren Tiefstand erreicht.

Doch Kommune ist nur ein anderes Wort für Wohngemeinschaft. Beim Berliner Senat für Familie, Jugend und Sport war diese Entscheidung in der Angelegenheit des Dirk-Alexander S. etwas, was es "in dieser Deutlichkeit" noch nie gegeben hatte. Dirk-Alexander S., dessen Mutter Mitte 1968 die sogenannte "Freiwillige Erziehungsbeihilfe" beantragt und der Behörde das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihren Sohn übertragen hatte, zündete in diesem Frühjahr in der "Jugendhilfsstelle" seine Matratze an, weil er lieber verbrennen wollte, als eingesperrt zu sein. Dieser Selbstmordversuch wurde von allen Instanzen als ernst gemeint empfunden. Fazit der Erzieher und Psychologen: Dirk-Alexander S. ist "heimungeeignet".

Nachdem der Junge monatelang untergetaucht war, meldete die "Theatergruppe Rote Steine" sein Verbleiben bei der zuständigen Senatsstelle, was dort als Wille zur Kooperation positiv gewertet wurde. Nach gründlicher Überprüfung der "hygienischen und sonstigen Gegebenheiten" in der Kommune sah Obersozialrat Heinz Gaedig, Leiter der Fürsorgeerziehungsbehörde, im Fluchtort des Dirk-Alexander S. "das kleinste aller Übel". Hierbei spielte weniger der Gedanke eine Rolle, den der Obersozialrat so formulierte: "Besser die Bleibe als die nackte Bank im Park – oder sonstwo illegal", als die Überzeugung, daß diese Wohngemeinschaft für den "schwierigen" Jungen das beste ist. Wohngemeinschaften "als Ergänzung, vor allem aber als Gegenmodell zur Heimerziehung" werden jetzt auch vom Berliner Senat diskutiert.

Nun ist die Kommune "Theatergruppe Rote Steine" kein repräsentatives Wohnkollektiv im Sinne des neuen Vorhabens. Doch als familienähnlicher Verband wurde sie akzeptiert. In ihr entfallen die im Heim üblichen "Forderungen nach Einhaltung der, im Tagesablauf vorgesehenen Essenszeiten, nach pünktlicher Rückkehr von der Schule oder Arbeitsstelle oder nach Einhaltung der meist sehr knapp bemessenen Ausgehzeit". Alle Mitbewohner lassen diese Gemeinschaft durch Freiwilligkeit funktionieren. Von dem Versuch, das "irreparabel gestörte Verhältnis Dirk-Alexanders zu seiner Mutter" zu kitten, sah man ebenso ab wie von einer Rückbeorderung ins Heim. Die "für die Heimunterbringung üblichen Pflegesätze" werden jetzt der Kommune überwiesen.

Das Burckhardthaus, ein evangelischer Jugendverband, wird jetzt in Berlin als erste Instanz das Experiment des Jugendkollektivs wagen. Gedacht ist, so die Pastorin Johanna Vogel, Leiterin der Gemeindehelferausbildung im Burckhardthaus, an zwei Modelle von Wohngemeinschaften. So soll das erste Modell "für solche Jugendlichen offen sein, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in einer Familie wohnen und leben können und deshalb normalerweise in einem Lehrlings- oder Schülerwohnheim untergebracht werden würden". Das zweite Modell "nimmt Jugendliche auf, die aus anderen Einrichtungen der Jugendhilfe oder aus der Strafanstalt kommen". Dabei wäre "das vordringliche Anliegen, den Übergang von einer relativ großen Isolationen den Heimen oder den Strafanstalten zur völligen Selbständigkeit die Härte zu nehmen und der Gefahr eines Entgleitens in die Dissozialität entgegenzuwirken".

Pädagogisches Prinzip hierbei: verantwortliche Beteiligung des einzelnen an der Gestaltung des Zusammenlebens der Gruppe. In beiden Wohngemeinschaften sollen nicht mehr als acht Mitglieder leben, "wobei die Entscheidung über die Aufnahme nicht ohne Absprache mit der Gruppe erfolgt". Erste praktische Erfahrungen mit Wohnkollektiven bezieht man bisher aus Frankfurt. Dort hat eine "Kampfgruppe ehemaliger Fürsorgezöglinge" in einer "Kampagne gegen Heimunterbringung" die Installierung von Wohngemeinschaften dem Landesjugendamt als Kompromiß abringen können. Wegbereiter und Fürsprecher dieser Kommunen war der Sozialpädagoge Mollenhauer von der Frankfurter Pädagogischen Hochschule.