Brandts Aufgabe in der Westpolitik

Von Theo Sommer

Willy Brandts Ostpolitik hat schon heute die weltpolitische Position der Bundesrepublik verändert – auch deren Stellenwert in der westlichen Welt.

Das ist nicht in dem versimpelten, versimpelnden Sinne zu verstehen, der einen sonst so nüchtern urteilenden Beobachter der Weltbühne wie Joseph C. Harsch vom Christian Science Monitor zu der Aussage verleitete: "Gleich nach dem Kriege war London die Hauptstadt Westeuropas. Zu de Gaulles Zeiten ging die Führung an Paris über. Jetzt ist Bonn an der Reihe. Bonn ist heute das wichtigste Entscheidungszentrum in Westeuropa, vielleicht sogar in der Welt."

Dies stimmt natürlich nicht. Richtig daran ist nur, daß jenes Bewegungsgesetz unserer Diplomatie, das den Kanzler nach Moskau geführt hat – die bewußte Ausübung bundesrepublikanischer Selbständigkeit –, nicht ohne Rückwirkungen auf die interne Politik des Westens bleiben kann.

Nicht etwa, daß die Bundesrepublik ihren Standort gewechselt hätte, wechseln wollte oder wechseln könnte. Sie gehört aus Überzeugung wie aus Staatsräson zum Westen und wird die Verankerung im atlantischen Bündnis wie in den europäischen Gemeinschaften nicht lockern. Gerade Bonns Ostpolitik, soll sie Erfolg haben, setzt eine starke westliche Allianz voraus. Aber ihren Standpunkt der "Selbständigkeit in der Bindung" (Egon Bahr) verficht die Bundesrepublik heute mit mehr unaufgeregter Selbstverständlichkeit als frühere Kabinette. Bonn schämt sich seines Gewichtes nicht mehr, sondern legt es ungeniert in die Waagschale. Es wird initiativ und verändert dadurch die Szene, auf der auch die anderen agieren. Unsere Freunde müssen sich Gedanken darüber machen, wie sie mit dem Zuwachs an kinetischer Energie fertig werden, den Westdeutschland unter Willy Brandts Kanzlerschaft erfahren hat.

Das ist eine neue Situation. Theoretisch hätte sie schon 1955 eintreten können, als Konrad Adenauer nach Moskau fuhr und dort gegen die Freilassung von zehntausend Kriegsgefangenen diplomatische Beziehungen zu Moskau anknüpfte, und noch einmal in den Jahren 1962/64, als Gerhard Schröder die westdeutsche Ostpolitik aktivierte und mit der Einrichtung von Handelsmissionen den ersten Schritt zu einer politischen Präsenz der Bundesrepublik in Osteuropa tat. Adenauer jedoch gebrach es am Mut zur eigenen Courage. Weil er befürchtete, die Westmächte könnten ihn einer Schaukelpolitik zwischen Ost und West verdächtigen, machte er nie rechten Gebrauch von dem diplomatischen Draht, den er nach Moskau gespannt hatte. Schröder indessen blieb die Probe aufs Exempel erspart, denn als Chruschtschow im Sommer 1964 auf einen Kurs des Ausgleichs mit der Bundesrepublik einzuschwenken begann, wurde der Kremlherr alsbald gestürzt – von denselben Männern, die heute, sechs Jahre danach, in seine nach Bonn führenden Fußstapfen getreten sind.