Von Rudolf Walter Leonhardt

Salzburg, am 22. August 1970

In seinem verdienstreichen und Verdienst mehren wollenden Buch über "Festspiele in Salzburg" schreibt der Salzburger Journalist, Politiker und Festspiel-Direktor Josef Kaut: "Festspiele sollen Vollendetes aus vielen Bereichen zeigen und so einen Reichtum an Werken und Formen, an Dirigenten, Orchestern und Sängern mit all ihren Besonderheiten darbieten, der vielleicht manchmal bunt und verwirrend erscheinen mag, dessen Vielfalt aber auch den besonderen Reiz und die Freude der Wahl und des Vergleiches gewährt."

Sollte es um Salzburg wirklich so trostlos bestellt sein, daß die Festspiele, die dort heute vor fünfzig Jahren eröffnet wurden, sich mit einer derart trivialen Allerweltsbegründung zufrieden geben müßten, wie sie jedes mittlere Stadttheater hoffnungsvoll in sein Programm schreiben könnte?

Sehr viel mehr hatten, der Regisseur Max Reinhardt und der Dichter Hugo von Hofmannsthal im Sinn, als am 22. August 1920 das Lied vom Leben und Sterben des reichen Mannes zum erstenmal auf dem Salzburger Domplatz ertönte, wobei der Star Alexander Moissi Jedermann, groß geschrieben, seine Stimme lieh.

Daß wir nun fünfzig Jahre überblicken, fünfzig Jahre des schicksten, charmantesten und chancenreichsten Festivals der Welt, ist ein guter Chronisten-Vorwand, wieder einmal Antwort zu suchen auf die Hunderttausend-Dollar-Frage: Was sollen Festspiele im allgemeinen und die Salzburger Festspiele im besonderen?

Dabei stellt sich schnell heraus, daß die Frage nach "Festspielen im allgemeinen" wenig Sinn hat. Nie gab es in einer immer von Hunger, Krieg und Tod bedrohten Welt ernste Gründe für heitere Spiele. Zu allen Zeiten hätte Verbitterung fragen können: "Was soll uns Kunst, während in Vietnam (oder anderswo)..."?