Wolfgang Kieling ist ein hervorragender Schauspieler. Ob er "als Mensch" für seine Zeitgenossen immer opportune oder ihnen auch nur vernünftig erscheinende politische Entscheidungen trifft, wird in den Zeitungen in letzter Zeit viel und gern diskutiert. Dabei dürfte es den Leuten egal sein, wie verwirrend Kieling immer wieder zwischen BRD und DDR hin- und herwandert, ein "Zerrissener" der deutschen Teilung, denn Kieling bewirbt sich ja weder um den Kanzlerposten noch um sonst ein politisches Amt.

Kieling, der Anfang der fünfziger Jahre aus der DDR in die Bundesrepublik kam, später sich in Berlin mit der Studentenbewegung solidarisierte, um kurz darauf in die DDR umzuziehen, hatte vor wenigen Wochen in Wien bei den westdeutschen Behörden um einen bundesrepublikanischen Paß nachgesucht und in einem Interview erklärt, daß er "auf bestimmte Annehmlichkeiten, die zu finden etwas schwierig ist im anderen Teil Deutschlands, nicht verzichten" könne. Dieses Interview hat er wenige Tage später widerrufen und nun erklärt, daß er in beiden Teilen Deutschlands "präsent sein" wolle.

Ein großer Teil der Presse hat auf diese Wandlungen mit Hohn reagiert. Obwohl doch die Wiener Erklärung zumindest aufrichtiger ist als das sonst bei solchen Schritten vorgetragene Pathos. Und obwohl sich Zeitungen auch darüber klar sein müßten, daß sie das Elend, das sie nachher lauthals anprangern, mit produzieren. Kieling, der die fragwürdige Publicity nicht etwa nötig hat, weil sein schauspielerischer "Marktwert" solcher Nebensteuerungen durchaus entraten kann, hat nur einen Fehler gemacht: Er hat Reporter an seinen Schwierigkeiten und Problemen teilnehmen lassen.

Nun haben zwei Schauspieler, Günter Mack und Bum Krüger, in München erklärt, daß sie aus "persönlichen und moralischen Gründen" mit Kieling nicht zusammenarbeiten wollen. Von Kieling, der für einen erkrankten Schauspieler in die Münchner Produktion des Fernsehspiels "Die Kannibalen" einsprang, sei im Vertrag nicht die Rede gewesen, erklärte Mack. Und in Bild war dazu rühmend zu lesen: "Ein Schauspieler hat auf neuntausend Mark Gage verzichtet." Auch soll, der gleichen Quelle zufolge, ein anderer Schauspieler der Münchner Produktion erklärt haben: "Es hätten noch andere gekündigt, wenn sie nicht das Geld, brauchten."

Man kann die Armen nur bedauern. Da zwingt sie der schnöde Gelderwerb dazu, mit einem Schauspieler zusammenzuspielen, der nicht über so beneidenswert klare politische Vorstellungen verfügt wie sie.

Dagegen finde ich den Schritt von Mack und Krüger zumindest bedenklich. Denn hier wird zum erstenmal in die Theater- und Fernseharbeit etwas eingebracht, was mit ihr tunlichst nichts zu schaffen haben sollte. Befreit man den Fall Kieling von den unguten Emotionen, die er vor allem in den Springer-Blättern aufgewirbelt hat, dann bleibt noch folgendes: Demnächst erklärt der Schauspieler A., er könne mit der Schauspielerin B. nicht zusammenspielen, weil sie, wie er erfahren hätte, die CDU gewählt habe, weil sie in Scheidung lebe oder weil sie immer so scheußliche Gardinen vor ihre Fenster hänge.

Denn etwas mehr als nur Zustimmung oder Ablehnung kann ein solcher Schritt, wie ihn die beiden Schauspieler unternommen haben, schon auslösen: Die Besetzungsbüros könnten die Furcht bekommen, daß sie mit dem Engagement Kielings sich Schwierigkeiten auf den Hals hetzen und daher um des lieben Friedens willen auf ihn verzichten. So gesehen drohen spontane Schritte zu weniger spontanen Boykottmaßnahmen auszuarten.

Hellmuth Karasek