Großbritanniens neue Regierung hat trotz aller Wahlversprechen keine neuen Mittel gegen das alte Problem: Während die Wirtschaft stagniert, rasen die Löhne davon, schnellen die Preise in die Höhe, und Wirtschaft und Währung bleiben bedroht.

Robert Carr im Arbeitsministerium kämpfte als erster an der heißen Front. Während sich seine Kollegen von den Strapazen des Wahlkampfes erholten, mußte er die Docker besänftigen. Danach mußte er die Kassandrarede anstimmen zu Bossen, Gewerkschaftern und zur ganzen Nation: "Wenn wir die Lohninflation nicht unter Kontrolle bringen, schlittern wir schnell in die nächste Katastrophe."

Seelenmassage also soll nun erreichen, was mit der Einkommenspolitik trotz vieler Versuche nicht gelang. Daß nämlich "Tarifverträge mit einstelligen Prozentzahlen geschrieben werden". Doch kaum war "Maßhalten" die große Mode, sprach die Regierung ihren hohen Beamten und den Bossen der verstaatlichten Industrien noch eine 14prozentige Aufbesserung zu, erhöhte die Preise für Kohle, Strom und Stahl sowie die Bahn- und Bustarife. Und auch Robert Carr fuhr in den Urlaub.

Zurück bleibt neben den vielen Fragezeichen zum wirtschaftspolitischen Kurs der Regierung Heath die deutliche Warnung des Gewerkschaftsbosses Victor Feather vor einem "langen, heißen Winter". Arbeitnehmerpolitik nämlich ist es, die jetzige Preiswelle (Inflationsrate: acht Prozent) und auch gleich die nächste unbeschadet zu überstehen sowie "über den Konsum die Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit von 2,6 Prozent zu bekämpfen". Die Liste der anhängigen Forderungen ist dementsprechend umfangreich und schockiert selbst die an viele "Lohnexplosionen" und "Lohnlawinen" gewöhnten Briten.

So fordern die 700 000 Handwerker im öffentlichen Dienst 20 bis 30 Prozent mehr, 300 000 Kumpel in der siechen Bergbauindustrie 33 Prozent, das Krankenhauspersonal 20 Prozent, die Landarbeiter 37 Prozent, und die Eisenbahner, Postler und Busfahrer wollen sich alle um ein rundes Viertel "verbessern". Selbst traditionell genügsame Angestellte werden militant: 320 000 Lehrer zieren die Liste mit ihrem Wunsch nach einer 40prozentigen Aufbesserung, während sich die Professoren noch mit der Hälfte begnügen. Bank- und Versicherungsangestellte verlassen ihre alten Verbände und schließen sich "lohnenderen" Gewerkschaften an.

Alarmierend aber ist nicht allein die Höhe der Forderungen, sondern ihre Häufigkeit: Keine der oben genannten Gruppen hat seit dem letzten Tarifvertrag mehr als zwölf Monate verstreichen lassen; zwei ordentliche Lohnerhöhungen pro rung eben ein, bevor die Tinte unter dem ersten Jahr werden also die Regel. "Ein Gewerkschaftsführer, der sich von seinen Mitgliedern nicht überholen lassen will, reicht die nächste Forde-Abkommen trocken ist" (Times).

Da die Arbeiter offensichtlich keinerlei Einsicht und gesamtwirtschaftliches Verantwortungsbewußtsein zeigten, müßten nun die Bosse "hart" werden, beschwor Robert Carr: "Lieber einen kurzfristig schädlichen Streik als noch mehr inflationäre Zugeständnisse." Den ersten Test hat er als wichtigster Arbeitgeber selbst zu bestehen – er verhandelt mit den Kumpeln, den öffentlich Bediensteten und den Eisenbahnern. Er wolle ihnen beweisen, daß sich die Streiks – 2296 waren es allein im ersten Halbjahr 1970 – nicht mehr lohnen, sagte er und: "Laßt sie nur streiken!"