Von Sepp Binder

Brennberg, im August

Als er vor einiger Zeit von einer Reise nach Malawi zurückkehrte, da zeigte er sich zufrieden: "Als CSU-Mann fühle ich mich bei so viel Schwarzen geradezu kannibalisch wohl." Nach seiner Rückkehr aus Polen war er in den letzten Tagen zwar vorsichtiger, doch im Gespräch ist ihm anzumerken: Unwohl hat er sich auch unter den "Roten" nicht gefühlt.

Mißverstanden sah er sich jedoch vom Warschauer Korrespondenten der Frankfurter Rundschau und des Kölner Stadtanzeigers. In beiden Zeitungen war zu lesen, Höcherl habe den zwischen der Bundesrepublik und Polen vorbereiteten Vertrag als "klein und ärmlich" bezeichnet; überdies betrachte er den "starren, ablehnenden Kurs Kiesingers gegenüber der Politik der Bundesregierung als unhaltbar"; die CDU könne schließlich auch die CSU "in eine vollständige Isolierung manövrieren". Auf Drängen seiner Parteifreunde dementierte er die Bewertung des Vertrages als "klein und ärmlich" mit der Begründung: er konnte überhaupt kein Urteil abgeben, weil er den ausgehandelten Vertragstext gar nicht kenne. Und was die Passagen über die Differenzen zwischen Strauß und Kiesinger betreffe, so fand er sie "nicht ganz zutreffend wiedergegeben". Im Gegenteil: Höcherl registrierte sogar eine Übereinstimmung der beiden Parteivorsitzenden in der "moralischen Beurteilung" des deutsch-polnischen Verhältnisses. Ob sie freilich auch politisch übereinstimmten, darauf ging der bayerische Politiker nicht ein.

Wie sieht Hermann Höcherl seine Reise nach Polen nun tatsächlich?

Hermann Höcherl, der liberale CSU-Politiker aus dem Bayerischen Wald, war nicht der erste Oppositionspolitiker, der in diesem Jahr eine politische Erkundungsfahrt hinter Oder und Neiße unternahm. Schon im Mai hatten die beiden CDU-Abgeordneten Peter Petersen und Hans Dichgans das Land entdeckt, dessen historisches Schicksal über Jahrhunderte so eng mit Deutschland verbunden ist. Dichgans und Petersen handelten sich damals einen Rüffel von Fraktionsvorstand, Parlamentskollegen und Vertriebenen ein: Sie hatten – noch nicht zurückgekehrt – bereits in Warschau für Formeln plädiert, die das deutsch-polnische Verhältnis "auch vor einem allgemeinen Friedensvertrag durch ein Abkommen zwischen Polen und der Bundesrepublik endgültig bereinigen könnten".

Damals nannte Philipp von Bismarck, Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft, seine beiden Parteifreunde "Romantiker"; doch nachdem auch er Ende Juli Polen besucht hatte, fühlte er sich gleichfalls "um einige Erfahrungen reicher". Jetzt flog Hermann Höcherl – nicht offiziell, sondern als Tourist und auf eigene Kosten – via Zürich nach Warschau. Nach acht Tagen kam er zurück, tief beeindruckt von Gesprächen und Erlebnissen, von der Lebensweise und den Leistungen unseres polnischen Nachbarn.