Wenn andere helfen ...

Stuttgart

Ich möchte Sie nur bitten, meinen Lebenslauf nicht mit Genuß zu lesen und mein Skript über die Resozialisierung nach dem Lesen nicht als machbares Heimatlied eines Ganoven abzutun."

Dies stand in einem Brief, der an die Redaktion der ZEIT adressiert war. Der Absender ist ein 27jähriger junger Mann, Wolfgang Gabel, der in Stuttgart in Untersuchungshaft sitzt. Was er zur Frage der Resozialisierung schreibt, scheint uns nachdenkenswert. Vorausschicken wollen wir seinen beigefügten Lebenslauf, in dem es heißt: Ich bin 1942 in Königsberg geboren. Mein Vater soll Kaufmann gewesen sein und eine Freundin gehabt haben, die der Scheidungsgrund wurde. Ich kenne beide nicht. Nachdem mich meine Mutter 1949 durch den Bach getragen hatte, war ich ein Flüchtling, weil der Bach eine Grenze ist. Es fand sich keine Wohnung, und meine Mutter, die von morgens sechs bis abends acht arbeiten mußte, weshalb sie meistens ein bißchen müde war, freute sich, daß sich ein Heim für mich fand. Dort waren Schwestern. Sie lehrten mich beten. Als ich 1954 für kurze Zeit und wider meinen Willen aufs Gymnasium wechselte, konnte ich beten und war der Waisenhäusler, dem man in der Pause eine Brezel schenken konnte. Und im Garten wuchs Unkraut, das man jäten mußte. Als ich 1956 auch Unkraut geworden war, kam ich in das andere Heim. Dort wurde ich volksschulentlassen, für eine Lehre bestimmt und in das nächste Heim gebracht. Flucht, dachte ich, sei mein Recht und ein Ausweg. Ich stahl ein Fahrrad, einen Pullover und fünfzehn Mark und radelte zu meiner Mutter. Unterwegs aß ich Kirschen. Als ich aus dem Gefängnis zu Hause ankam, war ich fremd und vorbestraft. Ich kam dann noch oft ins Gefängnis. Immer hatte ich gestohlen. Und obwohl man mir frühzeitig sagte, ein Fürsorger, kopfschüttelnd, sagte das, ich müßte bei meinem Gesicht und meiner strafverschärfenden Intelligenz eigentlich ein Betrüger sein, kam ich zuletzt als Dieb im Zuchthaus an.

Angst vor der Resozialisierung

Strafe muß sein. Als Maßnahme, die mir mein Verschulden zum Bewußtsein bringt und mich Schuldigen vor erneutem Schuldigwerden abschreckt. Meine Strafe schützt auch die Gesellschaft vor mir. Resozialisierung nennt man das. Und ich habe Angst davor. Sehr große Angst. Weil ich weiß, wie das ist:Resozialisierung.

Zum Fürsorger kann man gehen, deshalb und auch so. Und zum Pfarrer. Und zum Lehrer. Und zum Arzt, wenn man krank ist.