ZDF, Sonntag, 23. August: "Saison"

Bitte, schauen Sie lieber aufs Meer, meine Herren" (würde ich sagen, wenn ich, Gott bewahre mich davor, Kurdirektor von Westerland wäre und im Angesicht eines schußbereiten Kamerateams meine Hochhaus-City in einen homerischen locus amoenus umwandeln müßte), "wen interessieren schon diese bescheidenen Wolkenkratzer in Ihrem Rücken? Die nehmen Sie besser in Stuttgart auf oder in München, und was unseren Giganten angeht, Westerlands künftiges Wahrzeichen, die Hundertmeterwabe mit den Parkplätzen unter der Erde ... den können Sie ohnehin noch nicht sehen, der ist erst in Planung. Achten Sie also lieber auf die Nixen da draußen und auf die Rettungsschwimmer mit dem blonden Haar, der Tute und der bodenständigen Sprache. Auch unsere Kurgäste von morgen kann ich Ihnen empfehlen, die lieben Kleinen beim Geschicklichkeitsspiel – und dann die Wahl der Miß Nordsee natürlich, drüben im Saal, mundus vult deeipi, Sie können da ruhig etwas Kritisches sagen, wir sind nicht pingelig in diesem Punkt, Hauptsache nur, Sie vergessen über den Kleinen und Schönen auch unsere älteren Herrschaften nicht – sehen Sie doch, wie versonnen sie lächeln, wenn sich die fröhlichen Klänge des Orchesters aus der benachbarten Stadt (nachmittags volle Besetzung, ab 1. September Stabführung eines rangniedrigeren Dirigenten) mit dem Rauschen des Meerwinds vereinen."

"Was aber mich selber betrifft" (würde ich sagen, wenn ich, Herr über einen Sechs-Millionen-Etat und Empfänger eines Oberstgehalts, Kurdirektor von Westerland wäre), "so zeigen Sie mich am besten während eines Telephonats. Auf diese Weise wirkt es ganz zwanglos, fast natürlich und beiläufig, Sie verstehen mich schon, wenn ich, in Sachen Ferienordnung, den übertriebenen Föderalismus angreife und statt dessen nach zentralerer Lösung verlange. Und dann, bitte-, helfen Sie mir, meine Herren, die vor uns liegende Saison durch eine behutsame Werbung vorzubereiten, das ist ja schließlich der eigentliche Sinn unseres – ich darf doch sagen: unseres? – Films. Wie das zu machen ist? Nun, beispielsweise, dem Sie mir Gelegenheit geben, Westerlands Sicherheitsvorkehrungen, darüber wird nämlich viel Falsches geredet, in die rechte Beleuchtung zu rücken – und dann die Strandkörbe natürlich, im nächsten Jahr sind’s ganze fünfhundert mehr, darüber könnten wir uns vielleicht in einer kleinen Stadtratsitzung besprechen, abwägend und familiär, da macht es sich ganz überzeugend und kommt, Sie werden’s schon sehen, genauso gut wie die Beschwerdestunden an, in denen ich für jeden Gast zu sprechen bin. Wirklich, das sollten Sie filmen, dann erfährt der Betrachter am Bildschirm ganz nebenbei, daß wir in Zukunft, den zwei Programmen entsprechend, in Westerland zwei Fernsehstuben aufmachen wollen und daß es in der Ruhezone der Innenstadt durch eine neue Verkehrsführung tatsächlich still werden soll. Mag’s unseren Beschwerdeführern im Film nichts mehr nützen – die Gäste der nächsten Saison hören die Botschaft mit Freude."

Und dann würde ich mir (wenn ich Kurdirektor von Westerland wäre) am Sonntag, dem 23. August, um 15 Uhr 30, den ZDF-Film "Die Saison" anschauen, die Bilder von der Gymnastik am Meer, dem Wellenbad, dem Spielen im Smoking und dem Spielen im Sand, den dicken Muttis, seligen Greisen und zufriedenen Bildzeitungslesern, würde um vier das Fernsehgerät abschalten und danach, den Blick fest auf die Betonwände der Hochhäuser gerichtet, Gesehenes und Realität miteinander vergleichen, das Familienidyll mit dem Betrieb der Friedrichstraße, der sich des Volkes wahrer Himmel nennt, und mit dem nächtlichen Rummel, dessen Ausmaß am Tage darauf die Sylter Rundschau beschreibt ("Zwischen 20 und 24 Uhr stieg in einer Pension ein Dieb ein. Schaden: 600 DM"), mit Beate Uhses Geschäft ("Hier, mein Herr, habe ich etwas besonders Scharfes für Sie") und mit der toten Pracht von altrenommierten Hotels, die im Schatten von Appartementhäusern dahinvegetieren, das Personal geht fort, warmes Essen gibt es nicht mehr, für deren Bewohner zwar Parkplätze, aber kein Strand vorhanden ist.

"Und deshalb" (würde ich als Kurdirektor von Westerland sagen) "sind wir Westerländer für die Einführung einer Inselkurkarte, damit wir weiterbauen und unsere Gäste dahin gehen können, wohin ich jetzt auch gehen werde – zu den (in unserem Film mit Bedacht unterschlagenen) Nackten von Sylt, in die Gefilde von Rantum und Kampen." Momos

PS. Der in dem Film gezeigte Kurdirektor hätte selbstverständlich ganz anders gesprochen – und was das Kamerateam angeht, so hat es durch die mehr als einminütige Demonstration des Strandkorb-Vormerkungs-Schlangestehens seine Unabhängigkeit in imponierender Art unter Beweis gestellt. Kein Zweifel: Was man sehen wollte, wurde auch gezeigt.