Paris, im August

Jean-Jacques Servan-Schreiber – Spitzmarke: J. J. S. S. – hat erfahren müssen, daß man leichter "Herzog von Lothringen" wird als Führer der nichtkommunistischen Linken Frankreichs. Sein Versuch, die Gruppen zwischen den Kommunisten und dem Regierungslager auf einen gemeinsamen Kandidaten einzuschwören, um ihn in Bordeaux gegen den Premierminister kandidieren zu lassen, hat eine völlige Verwirrung gerade in den Reihen ausgelöst, die er einigen will.

Servan-Schreibers Unterfangen entpuppte sich als banale Neuauflage jener Reinfälle, die Frankreichs Linke auch bei größeren Versuchen dieser Art stets erlebt hat. Alle scheiterten sie bisher daran, daß die beteiligten politischen Gruppen wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Kommunistische Partei starren und im übrigen eifersüchtig verhindern, daß einer von ihnen auf den Schild gehoben werden kann. Das war schon das Schicksal von Pierre Mendès-France und Gaston Defferre.

Niemand hätte es besser wissen müssen als J. J. S. S., der für beide publizistische Schlachten schlug. Gestützt auf sein Amt als Generalsekretär der Radikalsozialistischen Partei und auf seinen Erfolg bei der Nachwahl in Nancy, forderte er den Premierminister in die Schranken.

Chaban-Delmas stellt sich am 20. September in seinem angestammten Wahlkreis – der Stadt Bordeaux, deren Bürgermeister er seit vielen Jahren ist – zu einer Nachwahl, weil sein Stellvertreter, der seinen Parlamentssitz einnahm, als er selbst die Regierung antrat, kürzlich gestorben ist. Da in Frankreich Ministeramt und Parlamentssitz unvereinbar sind, hätte er sich zwar damit begnügen können, einen neuen Stellvertreter zu unterstützen. Aber soviel Zurückhaltung mochte sich der alte Rugby-Nationalspieler in seinem sportlichen Ehrgeiz wohl nicht zumuten, auch wenn es allen Wählern klar ist, daß Chaban-Delmas, wenn er gewählt wird, den Parlamentssitz seinem neuen Stellvertreter einräumt.

Solange es nur um Prinzipien ging, schien die Einheitsfront der nichtkommunistischen Linken sicher. Aber sie wankte, als die Suche nach der Person des gemeinsamen Bannerträgers begann. Die Sozialisten benannten ihren Generalsekretär Alain Savary als Kandidaten der Linksgruppen – ausgerechnet den Mann, der die Sozialisten von Nancy gezwungen hatte, bis zur Selbstzerfleischung den Wahlkampf gegen J. J. S. S. zu führen. Savarys Einstellung zu den Kommunisten ist zudem eine völlig andere, als die der restlichen Linksgruppen. Er steht in laufenden Verhandlungen mit der Kommunistischen Partei.

Seit drei Jahren schwanken die Sozialisten zwischen zwei Zielen: der Bildung einer Volksfront mit der KP und einem neuen Versuch, eine "dritte Kraft" zu bilden. Sie verspüren nicht die geringste Neigung, vor den Gemeindewahlen im Frühjahr Farbe zu bekennen. Denn sie können einige hundert Bürgermeistersessel nur mit Bündnissen nach beiden Richtungen halten. Das Unternehmen Servan-Schreibers aber drohte in ihren Augen nicht nur zu einem antigaullistischen Exerzierritt zu werden, sondern darüber hinaus auch zu einem antikommunistischen. Diese Gefahr empfanden sie stärker als die Verlockung, dem Regierungschef in Bordeaux ein paar Federn zu entreißen.

Ernst Weisenfeld