"Die Passagiere der Penelope", Roman von Albert Hochheimer. Der Autor, 1900 geboren, hat nicht wenige Sachbücher und Hörspiele veröffentlicht. Trotzdem sieht der Roman aus, als wollte jemand, der nie Schriftsteller gewesen ist, die drückenden Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg abladen. Auch wenn es Hauptpersonen gibt – das Buch sucht die Bedrängnisse und das Verhalten einer Gruppe nachzuzeichnen: entkommene Juden, 1941, auf dem Weg nach. Palästina. Das Schiff ist morsch und für die Flüchtlinge zu eng, die griechischen Besatzungsmitglieder betreiben eigene, hinterhältige Pläne, die Engländer, die immer wieder auftauchen und die Reisenden verhören und bedrohen, folgen dem Befehl, die illegalen Einwanderer abzudrängen. Das stimmt die Tagebuchautorin Ruth, die von Seite 79 an das Wort führt, nicht englandfreundlich: "Aus den Nebeldünsten des Meeres traten uns nun auch noch die Briten entgegen Erbarmungslos, nur auf ihr eigenes Interesse bedacht, würden sie sein wie ein Fluch Gottes." Ruth darf dann doch bleiben, sie heiratet einen Palästinenser. Erst sträubt sie sich: "Eine Heirat? – Ein Almosen, dachte ich erbittert. Ich sitze hinter Stacheldraht und muß ihm dann in aller Zukunft für die Befreiung dankbar sein. Mama müßte diesem selbstherrlichen, ungestümen, unbekümmerten Sami mal tüchtig den Standpunkt klar machen, damit ihm das belustigte Lächeln vergehen würde." Nach allen Schlägen spricht die Bürgertochter noch im Trotzkopfton der alten Backfischbücher. Nur zu wahr! Ob aber der Autor wirklich diese arge Haltbarkeit nachweisen wollte, ob er sie auch nur bemerkt hat? (Werner Classen Verlag, Zürich/Stuttgart; 213 S., 15,80 DM)

Christa Rotzoll

"Die Stiefkinder", Roman von Jerzy Putrament. Putrament ist Sozialist, Vollmitglied des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei, Vizepräsident des Polnischen Schriftstellerverbandes und Stammautor des Ostberliner Verlags Volk und Welt. Erst jetzt erschien in der Bundesrepublik einer seiner Romane, 1963 in Warschau veröffentlicht. Zentrales Thema ist der Generationskonflikt innerhalb der sozialistischen Gesellschaft. Die "Stiefkinder" sind Leon und Kamila. Sie kämpfen, Kamila durch Provokation und Demonstration, Leon auf dem Wege der Rechts- und Wahrheitsfindung, gegen Machtkonzentration und Personenkult, dessen Mittelpunkt Leons Vater Jan Pociej ist, oberster Funktionär in der Kreisstadt Zaborze. Jan Pociej kommt zu Fall, begeht Selbstmord, und Leon plagt sein Gewissen. Doch sein alter Studienrat schreit ihn an: "Zum Teufel, ihr wollt doch Dialektiker sein! Das verpflichtet doch zu etwas! Der Sohn bringt nur dann das Werk des Vaters voran, wenn er sich ihm entgegenzustellen vermag." Putraments politischer Appell wird deutlich. Im Kampf um die Verwirklichung eines humanen Sozialismus gebe es keine persönliche Rücksichtnahme und keine persönliche Schuld: "... die erste Bedingung für das Erstehen des Neuen ist das Absterben des Verknöcherten"; "... es war nicht sein Sohn, es war die Zeit. Der Epochenwechsel." Putrament kritisiert in seinem eindrucksvoll Milieukenntnis vermittelnden Roman das sozialistische System nicht, weil es eben doch schlecht sei, sondern aus der Sicht des konsequenten Dialektikers: Kritik am System macht es nicht schlecht, sondern gut. (Claassen Verlag, Hamburg; 268 S., 18,– DM)

Christel Buschmann